C. Goldner: Die Psychoszene
Alibri-Verlag, 2000, ISBN 3-932710-25-8
1. Kurzbeschreibung
2. Leseprobe
Absicht des vorliegenden Buches ist eine kritische Untersuchung der esoterischen Therapieszene. Im ersten Teil werden deren weltanschauliche Hintergründe ausgeleuchtet, geschichtliche Zusammenhänge werden erhellt. Der zweite Teil befaßt sich mit den Heilern und Lebenslehrern selbst, mit den Praxen und Therapiezentren, mit Kongressen, Seminaren und Workshops. Im dritten Teil wird die Qualifikation der einzelnen Heiler untersucht, der vierte befaßt sich mit rechtlichen Fragen. In fünften (Haupt-)Teil werden die geläufigsten Verfahren und Begriffe esoterisch-spiritueller Therapie und Lebenshilfe (Hauptkapitel in alphabetischer Reihenfolge, Nebenkapitel/Exkurse entsprechend zugeordnet) dargestellt. Ein abschließender sechster Teil eröffnet Strategien der Abgrenzung beziehungsweise aktiver Gegenwehr.
Das Buch will Aufklärungsarbeit leisten. Es wendet sich an Interessierte und Ratsuchende, die wissen wollen, was es mit dem Phänomen der „Psycho-Szene" auf sich hat, was unter der Vielzahl an Begriffen, Namen und Methoden, die sie ausmachen, zu verstehen ist und wie diese kritisch einzuordnen sind; ein im Anhang aufzufindendes Register erlaubt insofern gezieltes Nachschlagen. Ebenfalls im Anhang findet sich ein Literaturverzeichnis mit Hinweisen auf verwendete und weiterführende kritische Literatur.
New Age
...... Die Renaissance des Übersinnlichen und Antirationalen ist wesentlicher Bestandteil der „New-Age"-Bewegung, die sich ab Mitte der 1960er Jahre von Kalifornien aus über die gesamten USA und von dort aus nach Westeuropa verbreitete.
1968 wurde am New Yorker Broadway das Musical Hair aufgeführt. Es besang das herandämmernde „Zeitalter des Wassermannes" (Age of Aquarius), das die Menschen hinführe zu einem neuen, höheren Bewußtsein. Diese „Neue Zeit" (New Age) - nach astrologischen Berechnungen soll sie bereits Anfang der 1960er (laut Szene-Guru Arnold Keyserling genau am 5. Februar 1962) angebrochen sein - löse das dunkle „Zeitalter der Fische" ab, das, gekennzeichnet von Machtkämpfen, Kriegen, Hunger und Elend, die zurückliegenden 2000 Jahre beherrscht habe. Unter Führung einer spirituellen Avantgarde lasse das „Zeitalter des Wassermannes" eine paradiesische Welt des Lichtes und der Liebe entstehen.
Der Begriff des „Wassermann-Zeitalters" geht ursprünglich auf eine astronomische Gesetzmäßigkeit zurück: Beim Umlauf der Erde um die Sonne steht die Erdachse nicht still, vielmehr kreiselt sie geringfügig, so daß sich der sogenannte „Frühlingszeitpunkt" (Tag- und Nachtgleiche im Frühjahr) auf der Ekliptik kontinuierlich westwärts verschiebt. Im Laufe von knapp 25.800 Jahren durchwandert er einmal den gesamten Tierkreis und hält sich folglich etwa 2.100 Jahre in jedem der zwölf Tierkreiszeichen auf, in die der Zodiak (künstlich) unterteilt ist. Der Frühlingszeitpunkt sei nun in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vom Zeichen der Fische in das des Wassermannes gerückt. Die astrologische Interpretation dieser (astronomisch völlig bedeutungslosen) Verschiebung der Frühjahrs-Tag-und-Nachtgleiche von einem (willkürlich definierten) Segment des Tierkreises in ein anderes - unabhängig davon, daß diese tatsächlich erst in rund 600 Jahren (!) stattfinden wird -, führt in esoterischen Kreisen zur Annahme eines anbrechenden „Neuen Zeitalters".
Der Begriff „New-Age" wird heute kaum mehr gebraucht, er wurde ersetzt durch „Light-Age", was sowohl auf das Selbstverständnis der Szene als Avantgarde eines neuen, „erleuchteten" Bewußtseins hinweist, als auch (ungewollt) auf das postmoderne Gemisch positiv klingender Flachgründigkeiten, das ebendieses ausmacht.
1.2. Spirituelle „Rückbindung": Mißbrauch der Psychologie
Die Bewegung des New- oder Light-Age verfügt über keine einheitliche Organisation, weder über gemeinsame Ziele noch über ein gemeinsames Programm. Sie versteht sich als Sanfte Verschwörung - so auch der Titel des 1980 erschienenen Kultbuches von Marilyn Ferguson -, die auf dem Wege persönlichen Bewußtseinswandels eine kulturelle Transformation herbeiführen will. In der Überzeugung, ausschließlich das Bewußtsein bestimme das Sein, wendet sie sich von den sozialkritischen und politischen Reformbewegungen der späten 1960er Jahre ab und setzt rein auf individuelle Bewußtseinsveränderung als Voraussetzung für gesellschaftlichen Wandel. Als wesentliches Instrument hierzu dient ihr die Psychologie. Dies allerdings nicht in Form der wissenschaftlichen Disziplin, die sich unter diesem Begriff entwickelt hat, sondern, ganz im Gegenteil, in Gestalt eines Rückgriffes auf vorwissenschaftliche oder religiös begründete Heils- und Erkenntnislehren. In erster Linie bezieht sich die Psychologie des Neuen Zeitalters auf esoterische Glaubensvorstellungen, ihre Praktiker verstehen (oder verkaufen) sich konsequenterweise als neuzeitliche Schamanen, Medizinmänner (und -frauen), Magier, Hexen oder Druiden.
Esoterik
Der Begriff Esoterik bezeichnet ursprünglich mystisches oder okkultes Geheimwissen, wie es in den Religionssystemen sämtlicher Kulturkreise zu finden ist. Nur besonders Eingeweihte - Priester, Schamanen, Druiden - haben Zugang zu diesem verborgenen, innersten Kern der jeweiligen Lehre. Zur Esoterik zählen beispielsweise die christlichen Geheimlehren der Gnosis oder des Manichäismus, auch die jüdische Kabbala oder der Tantrische Yoga des Hinduismus. Im Gegensatz zur Exoterik, dem „äußeren", katechetischen Regelwerk einer Religions- oder Kultgemeinschaft, geht es der Esoterik um den „inneren", individuell zu beschreitenden Weg der „Rückbindung (re-ligio) zum Eigentlichen", der Suche nach Wahrheit, nach Gott.
Vielfach wird dieses „Eigentliche", zu dem zurückzukehren letztes Ziel allen Mühens sei, als „Höheres Selbst" bezeichnet (wahlweise auch als „Quell der Intuition", „Essenz des Seins", „Innere Stimme" und dergleichen). Als eine Art Meta-Bewußtsein (Über-Über-Ich) stelle es eine Instanz absoluter Wahrheit dar, die zugleich wahres Heilsein bedeute: „Das Wiederanknüpfen an den bei jedem tief im Inneren stets unversehrt und lebendig gebliebenen göttlichen Kern ist Grundlage und Leitmotiv jeder spirituellen und im wahrsten Sinne religiösen Therapie."
Heute gilt der Begriff Esoterik als Bezeichnung für ein weites Spektrum an Heils- und Weltanschauungslehren, deren Gemeinsames in ihrer Abkehr von Wissenschaftlichkeit, Plausibilität und Vernuft liegt; oder anders formuliert: die auf alles abstellen, was nur irgendwie spiritistisch, mystisch, okkult oder schlicht antirational daherkommt.......
Was tun?
......
Die Esoterikszene samt der ihr zugrundeliegenden Ideologie ist weder harmlos noch ist sie zu tolerieren. Ein öffentliches Auftreten Geschädigter - wie es eine Vielzahl ehemaliger Sektenangehöriger bereits mit Erfolg tut - könnte nicht nur zu persönlicher Reintegration und Genugtuung beitragen, sondern auch einen wertvollen Beitrag zur allgemeinen Aufklärung leisten. Es kann nicht darauf gewartet werden, daß über gesetzliche Maßnahmen oder behördliche Eingriffe dem unverantwortbaren Treiben der Psychoszene entgegengetreten wird. Diese besteht seit drei Jahrzehnten und expandiert weiter ins Uferlose, ohne daß irgendetwas dagegen unternommen wird. Ganz im Gegenteil: über die Eröffnung der Möglichkeit, ohne irgendwelche qualifizierte Ausbildung eine Erlaubnis zur Ausübung der Psychotherapie zu erlangen, wurde der Scharlatanerie weiterer Vorschub geleistet. Innerhalb der Europäischen Union leistet sich (neben England) nur Deutschland den skandalösen Mißstand eines „Heilpraktikergesetzes", auf dessen Grundlage auch medizinisch oder klinisch-psychologisch völlig unqualifizierte Laien ganz legal zu „Heilern" werden können. Die mahnenden Worte von
Jürgen Keltsch, Mitglied der Enquetekommission des Bundestages „Sogenannte Sekten und Psychogruppen"- immerhin gab es sowas zuzeiten -, man könne „die Dinge auf diesem Markt nicht so treiben lassen", blieben bislang ohne irgendwelchen Effekt. In der Tat: „Jede Kinderschaukel", so Keltsch, „ist TÜV-geprüft, aber im hochsensiblen Bereich der kommerziellen Lebenshilfe fehlen die Regelungen, fehlt die Ethik."
Der im Juni 1998 vorgestellte Abschlußbericht der Enquetekommission läßt freilich sehr zu wünschen übrig: Das mit enormem (Kosten-)Aufwand erstellte Papier - zwölf Bundestagsabgeordnete und ebensoviele Experten (darunter bezeichnenderweise Ralf Bernd Abel, langjähriger Top-Funktionär der rechtslastigen Deutschen Unitarier-Sekte) waren zwei Jahre lang damit beschäftigt gewesen, den bundesdeutschen Sekten- und Psychomarkt zu sondieren -ist, wie Kritiker sehr zu Recht anmerken, nicht viel mehr als ein „wirres Konglomerat aus Banalitäten, Widersprüchen und bedenklichen Empfehlungen". Kommissionsmitglied Angela Köster-Loßsack (Die Grünen) räumt ehrlicherweise ein: „Was die einzelnen Gruppen angeht, haben wir eigentlich keine großen Erkenntnisse über das hinaus, was schon vorher bekannt war." Im übrigen, so der Bericht, gehe von den untersuchten Psychogruppen und Sekten eine Gefahr für Staat oder Gesellschaft nicht aus (eine Einschätzung, die von den einschlägigen Szenemedien natürlich mit Hurrageschrei aufgenommen wurde). Derlei (vorsätzliche?) Ignoranz der tatsächlichen Verhältnisse geht Hand in Hand mit der Verfahrensweise der seinerzeitigen Kohl-Regierung (ebenso wie jener der nachfolgenden Schröder-Regierung) in sonstigen gesundheits- und sozialpolitischen Fragen.
Immerhin stellte der Kommissionsbericht einen dringlichen Aufklärungs- und Schutzbedarf des einzelnen Bürgers fest. Dem Bundestag wurde insofern die Gründung einer Bundesstiftung zur Aufklärung und Forschung über neue religiöse Gemeinschaften und Psychogruppen anempfohlen; ferner eine Präzisierung des Gesetzes gegen Wucher sowie die Verabschiedung eines » Verbraucherschutzgesetzes für den ausufernden Markt der „Lebenshilfe". Private Beratungsstellen, so eine weitere Empfehlung, seien staatlich zu unterstützen (bis heute gibt es für solche Unterstützung indes noch keine gesetzliche Grundlage [Stand 9/2000]). Eine Verfassungsbeschwerde der (pseudo)christlichen Kultgemeinschaft Universelles Leben gegen die Veröffentlichung des Berichtes wurde vom Bundesverfassungsgericht abgelehnt.
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