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Quellenverzeichnis: Steven Hassan: Ausbruch aus dem  Bann der Sekten



Hassan, Steven: Ausbruch aus dem Bann der Sekten

Rowohlt,  1993, ISBN 3-499-19391-4



1. Kurzbeschreibung

2. Einleitung von Hansjörg Hemminger


1. Kurzbeschreibung

Sekten, von Scientology bis Mun, gehen offensiv auf Seelenfang. Mittlerweile findet in der Öffentlichkeit eine Auseinandersetzung mit dem sozialen Phänomen statt. Doch ist es für Betroffene, Angehörige und Freunde nach wie vor schwer, konkrete Hilfe zu erhalten, wenn jemand den Seelenfängern auf den Leim gegangen ist. Eben dieses leistet dieses Buch von Steven Hassan.
Der amerikanische Psychologe, selbst Ex-Mitglied der Munies, stellt sanfte, gewaltfreie Methoden der Ausstiegsberatung für Sektenopfer dar. Er vermittelt seine langjährigen Erfahrungen an alle, die Rat und Beistand nötig haben.
Aus dem Inhalt: Sekten und Bewußtseinskontrolle, Bewußtseinskontrolle verstehen, Wie man sich schützen kann, Ausstiegsberatung: Der sanfte Weg, Wie man helfen kann, Durchbrechen der Bewußtseinskontrolle, Und danach? Strategien der Genesung


2. Einleitung von Hansjörg Hemminger

Es muß um 1970 herum gewesen sein, als mir eine jüngere Mitstudentin in Freiburg zum ersten Mal die "Göttlichen Prinzipien" des wahren Messias aus Korea, Mun, vor die Nase hielt und mich in eine Diskussion darüber verwickelte. Das Mädchen versuchte, Mitglieder der evangelischen Studentengemeinde anzuwerben, zu der ich gehörte. Sie warb damals noch offener, als es Hassan in seinem Buch für die späten siebziger Jahre schildert, aber auch sie verschwieg wesentliche Teile der Lehre und Praxis der Vereinigungskirche. Sie blieb trotzdem erfolglos. Wir stuften die "Göttlichen Prinzipien" als kuriose Mischung aus Spiritismus und Esoterik ein, hielten sie in unserer Naivität für eine amerikanische Variante der Anthroposophie Rudolf Steiners und vergaßen die Sache.

Wenig später tauchten die Scientologen im Straßenbild auf und versuchten, Passanten für ihre teuren "Kurse" zu gewinnen. Ich kann mich nicht erinnern, je selbst angesprochen worden zu sein, wohl aber an warnende Berichte in der Presse. Den ersten Hare Krishna-Anhänger traf ich auf einem Bahnhof, er wollte mir ein Buch mit exotisch-buntem Umschlag "schenken" und danach eine "Spende" haben. Ich lehnte diese dubiose Transaktion dankend ab. Weder die Scientologen noch die Krishnas informierten die Angesprochenen darüber, daß sie für eine straff organisierte Gruppe warben. Täuschung der Öffentlichkeit, Konspiration und Machtspiele waren von Anfang an Teil der Szene der "Jugendsekten", wie diese neuen Gruppen bald in der Presse genannt wurden. Sie brachten nicht nur ihre Lehren, sondern auch ihre Praktiken und Konflikte aus den USA nach Europa herüber. Und mit ihnen kam ein Kampfbegriff über den Atlantik, den Betroffene und Geschädigte in den USA geprägt hatten: destruktive Kulte (destructive cults).

Seither ist die Diskussion um "destruktive Kulte" oder "totalitäre Sekten" nicht mehr abgerissen. Einige der Gruppen verloren zwar an Bedeutung, andere (wie die Scientology-Sekte) wurden aber noch mächtiger und bedrohlicher, und neue Gruppen kamen hinzu. Das Problem scheint unserer Gesellschaft auf absehbare Zeit erhalten zu bleiben und damit die Frage, was zu tun ist. Die öffentliche Diskussion darüber brachte für die leidvoll Betroffenen und für die Fachleute viele Frustrationen mit sich. Wenig bewegte sich auf politischer Ebene, doch kaum mehr in der praktischen Hilfe und in der Wissenschaft. Fachleute und Laien redeten und stritten nicht selten über Gedankenkontrolle, Psychomutation, "Snapping", über tiefenpsychologische Anfälligkeiten, über Risikofaktoren und so weiter. Wissenschaftlich entwickelte sich daraus mehr als ein Jahrzehnt lang nichts. Auch praktische Fortschritte in der Beratung und Hilfe für die Sektenopfer gab es wenige. Selbst die Diskussion um das (ebenfalls im Zusammenhang mit den Jugendsekten entstandene) gewaltsame Deprogrammieren von Sektenanhängern geht bis heute weiter, obwohl viele juristische und psychologische Gründe gegen diese fragwürdige Praxis sprechen und obwohl nahezu alle seriösen Institutionen und Betroffeneninitiativen sie ablehnen.

Mit Steven Hassans Buch ist nun der bitter nötige Schritt vorwärts getan. Seine Deutung der Bewußtseinskontrolle (mind control), die totalitäre Sekten über ihre Mitglieder ausüben, stellt den bisherigen Theorien gegenüber einen klaren Fortschritt dar, obwohl sie nicht das letzte Wort zu diesem merkwürdigen und beängstigenden Phänomen sein wird. Aber letzte Worte gibt es in der Wissenschaft sowieso nicht, schon gar nicht in der Psychologie, und auf Hassans Arbeit können weitere Forschungen getrost aufbauen.

Noch wichtiger aber ist der praktische Fortschritt, den seine Methoden für Helfer bedeuten. Zum ersten Mal liegt eine klare, anwendbare Beschreibung psychologischer Techniken auf dem Tisch, die dazu dienen können, Sektenanhänger zur selbständigen Überprüfung ihrer Situation und ihre Angehörigen zur Selbsthilfe zu befähigen. Von erfahrenen Beraterinnen und Beratern wurden die von Steven Hassan vorgestellten Methoden schon benutzt. Sie wurden durch «Einfühlung» in die Sektenmentalität gewonnen, wie es auch Hassan beschreibt, und sie wurden in der Praxis verfeinert. Diese persönlichen Fähigkeiten blieben unsystematisches Wissen weniger Fachleute und wurden nur selten, und nur in Bruchstücken, für andere lehr- und erlernbar gemacht. Es ist das Verdienst Steven Hassans, methodische Vorgaben zu formulieren, die für jeden relevant sind, der als Experte, Helfer oder Berater ernst genommen werden will. Es ist zu hoffen, daß er und andere auf dieser Grundlage weiterarbeiten. Sie werden das Übel der totalitären Sekten nicht zum Verschwinden bringen können, aber sie werden es - vielleicht - für eine breite Öffentlichkeit durchschaubarer machen und ihm damit einen Teil seiner Bedrohlichkeit nehmen können.


 

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Bearbeitungsstand: 28.06.2009


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