Gerhard Kern, Lee Traynor: Die esoterische Verführung - Angriffe auf Vernunft und Freiheit
Alibri-Verlag, 1995, ISBN 3-922601-24-3
Während die herkömmliche Religiosität zunehmend an Bedeutung verliert, erfreuen sich New Age, Esoterik und allerlei säkulare Ersatzkulte weiterhin großer Beliebtheit. In einer vorgeblich von Orientierungslosigkeit geprägten Zeit versprechen sie neue Wege zur Erkenntnis, zur Selbstverwirklichung und mentaler Unabhängigkeit. Diesen Anspruch prüfen die AutorInnen, indem sie einerseits esoterische Vorstellungen auf ihre wissenschaftliche Stichhaltigkeit hin untersuchen und andererseits das zugrundeliegende Menschenbild und die damit einhergehenden Vorstellungen gesellschaftlicher Ordnung analysieren.
Das Ergebnis stellt den neuen Formen der "Spiritualität" kein gutes Zeugnis aus. Einfältiger Glaube an wissenschaftlich längst widerlegte Behauptungen und die mangelnde Bereitschaft, Erklärungen für scheinbar übernatürliche Phänomene kritisch zu hinterfragen, sind die wenig überzeugenden Marksteine auf dem Weg zum "neuen" Wissen. Ein menschenverachtendes Menschenbild, autoritäre Gruppenstrukturen und teilweise sogar rassistische Tendenzen diskreditieren die Gesellschaftsmodelle des New Age und anderer neureligiöser Gruppen.
Am Ausgang des 20. Jahrhunderts wird eine neue Religiosität erkennbar. Allerdings nicht im Sinne einer Renaissance der beiden großen christlichen Kirchen (die weiterhin an Mitgliedern und Akzeptanz verlieren), vielmehr orientiert sich diese neue Religiosität an den scheinbar "natürlichen religiösen Bedürfnissen" der Menschen und an den Gesetzen der Warengesellschaft. Es ist ein Markt mit den verschiedensten Anbietern entstanden, die alte Bedürfnisse decken und neue wecken. Neben den als "Sekten" bezeichneten kleinen Religionsgemeinschaften, die an christliche und heidnische Traditionen oder an fernöstliche Vorstellungen anknüpfen, gibt es im New Age eine kaum überschaubare Vielzahl esoterischer Heilslehren und Parawissenschaften, die die Nachfrage nach Sinn und Orientierung bedienen. Je nach Ausrichtung versprechen sie neue Wege zur Erkenntnis oder zu beruflichem Erfolg, Hilfestellung zur Selbstverwirklichung oder Abhilfe bei Schlafstörungen. Kaum ein Problem, für das es kein Angebot gäbe.
Die AutorInnen dieses Bandes untersuchen Anspruch und Wirklichkeit esoterischer Theorie und Praxis. Parawissenschaftliche Verfahren wie Wünschelrutengängerei oder Subliminale Beeinflussung werden auf ihre Stichhaltigkeit hin überprüft. Weltanschauungen wie die Anthroposophie oder Glaubensrichtungen wie der spirituelle Ökofeminismus werden ideologiekritisch analysiert. Anhand der Beispiele Astrologie und UFO-Glaube werden Aussagen über die Zusammensetzung der KonsumentInnen getroffen. Durch die verschiedenen Perspektiven, die soziologische, psychologische und politische Fragestellungen aufgreifen, entsteht ein facettenreiches Bild des Phänomens Esoterik.
Der Tenor der Beiträge ist durchweg kritisch. Die Angebote von Esoterik und New Age, die so verführerisch Auswege aus dem unbefriedigenden Alltag versprechen, erweisen sich bei genauer Betrachtung als Mogelpackung. Es zeigt sich, daß sie weder für individuelle noch für gesellschaftliche Probleme Lösungsansätze bieten. Veränderungen, die mehr Demokratie und Selbstbestimmung brächten, stehen nicht auf der Tagesordnung. Im Gegenteil, viele politische Kernaussagen sind durchaus kompatibel mit reaktionärem, ja sogar rassistischem Gedankengut, die Verantwortung des Individuums wird durch esoterische Erkläingsmuster auf Götter, Führer oder in den Kosmos verlagert und so Entscheidungskompetenz abgegeben. Indem irrationalen Verhaltensweisen Vorschub geleistet wird, werden vernunftgemäße Lösungen verhindert.
Die Verführungen der Esoterik stellen somit ohne Zweifel einen Angriff auf die Vernunft und auf die Freiheit des einzelnen Menschen dar. Statt mit einer Remythologisierung auf die Perspektivlosigkeit und Sinnkrise am Ende des Jahrtausends zu reagieren, wäre es notwendig, Antworten und Alternativen aus der Tradition von Aufklärung und Moderne zu finden. Denn sonst könnte der Weg der Suchenden geradewegs wieder in den Schoß der Großkirchen führen, von deren Dogmen sie sich durch ihre Hinwendung zur neuen Religiosität zu emanzipieren glaubten.
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