V    I   K   A   S -  B I B L I O G R A P H I E

Quellenverzeichnis: Mein paranormales Fahrrad und andere Anlässe zur Skepsis

 


Gero von Randow (Hg.): Mein paranormales Fahrrad und andere Anlässe zur Skepsis...

Rowohlt,  1993, ISBN 3-499-19535-6



1. Kurzbeschreibung

2. Einleitung 



1. Kurzbeschreibung

Die "Skeptiker"-Bewegung, die in diesem Buch zu Wort kommt, verfolgt das Ideal der wissenschaftlichen Kritik: Nichts, absolut nichts bleibt ihr entzogen. Wer etwas behauptet, ist beweispflichtig. Und je stärker, ungewöhnlicher, abweichender eine Behauptung, desto strengere Anforderungen sind an ihre Begründung zu stellen.

Die letzte Forderung klingt ein wenig ungerecht. Wem sie mißfällt, dem antwortet Martin Gardner, einer der Autoren des "Skeptical Inquirer", gern mit einem Beispiel: "Wenn Sie mir sagten, Sie hätten eine Ziege im Garten, dann würde ich Ihnen gleuben. Wenn Sie sagten, Sie hätten ein Einhorn im Garten, könnte mich noch nicht einmal ein Foto überzeugen - ich würde nicht eher ruhen, als bis ich es mit eigenen Augen gesehen hätte."


2. Einleitung 

Jake trinkt ein Bier
 
Die Hitze war drückend, der Ventilator außer Betrieb, und Jake mußte irgend etwas tun, um sich dem Redefluß seiner Mandantin zu entziehen. Sie war gerade bei ihrem Horoskop für die letzte Woche angekommen.

Wortlos stand er auf und steuerte den Bürokühlschrank an, worin eine einsame Bierdose auf ihn wartete. Jake bot Mrs. Hoffmann nichts an, er ließ sie reden. Mit schlaffer Hand stellte er sein Bier auf den Schreibtisch. Dessen frisch polierte Oberfläche spiegelte die Szene rotbraun wieder. Jake nahm wieder artig Platz und starrte selbstvergessen auf das kühle Weißblech mit all den interessanten Angaben über Inhalts- und Zusatzstoffe auf dem Etikett.

So weit, so gut. Aber wieso bewegte sich die Dose auf einmal, wie von Geisterhand geschoben? Jake kniff die Augen zusammen, Mrs. Hoffmann redete weiter. Nein, keineswegs, er halluzinierte nicht. Was ging hier vor?

So wie diese Welt beschaffen ist, haben wir tagtäglich Anlaß, uns zu wundern.

Gewohnt, daß Bierdosen nicht umherwandern, stutzen wir, wenn sie sich unversehens in Bewegung setzen. Und ist es nicht verwunderlich, wenn der Fahrradschlauch just in dem Moment platzt, wo wir am Fachgeschäft für Zweiradbedarf vorbeistrampeln? Warum fällt das Brötchen meist auf die beschmierte Seite, warum rufen Schwiegermütter garantiert im unpassendsten Moment an ?
Und warum in aller Welt wollen wir das alles wissen?

Mutmaßlich nicht, weil wir unablässig nach Erkenntnis streben. Es könnte vielmehr sein, daß wir nach Antworten hungern, um eine innere Unruhe zu stillen. Wenn sich etwas nicht erwartungsgemäß verhält, möchte ich eine Erklärung, und am liebsten eine solche, die ich mit einem beruhigten «Ach so, na dann» quittieren kann. Das «Ach so»-Erlebnis hat einen etwas anderen Nährwert als das «Aha »-Erlebnis: es macht geistig satt, zuweilen auch ein wenig träge.
 
Warum bekommen immer mehr Kinder Allergien (zumindest wird das gern behauptet) ?
Wegen der Umweltverschmutzung. Ach so.

Das Ach-so-Erlebnis beendet einen Zustand des Fragens, des Suchens, der gedanklichen Anstrengung. Es rationalisiert die Denkarbeit und stabilisiert die Weltanschauung. Den Widerspruch zwischen dem guten Gott und dem Bösen in der Welt lösten gnostische Sekten, indem sie die Welt als Werk einer bösen Kraft, des Teufels nämlich, interpretierten. Damit war wieder alles im Lot (nicht die Welt, aber das religiöse System).

Warum wandert Jakes Bierdose? Es gibt eine Erklärung: Psychokinese, das Bewegen von Gegenständen mittels Gedankenkraft (ein Skeptiker provozierte einmal einen Kongreß von Parapsychologen mit der Aufforderung: «If anyone has psychokinetic power, please raise my hand»). Diese Erklärung ist nicht etwa deshalb attraktiv, weil es starke Argumente für sie gäbe, sondern weil sie einfach und anschaulich ist.
Die Idee der Psychokinese wirkt dermaßen anziehend, daß sich nach allen Regeln des Faches ausgebildete Wissenschaftler ihrer Erforschung verschrieben haben und bereit sind, einen hohen Preis dafür zu zahlen, nämlich als Parawissenschaftler eine Randexistenz im Wissenschaftsuniversum zu führen.

Parawissenschaft umfaßt jene Forschungsprojekte, von denen sich die scientific Community im großen und ganzen abgrenzt. Der Begriff Parawissenschaft enthält keine Wertung, sondern beschreibt nur eben diese Randexistenz (das griechische «para» heißt bei, neben); woran Sie vielleicht gerade dachten, ist die Pseudowissenschaft, und das ist ein wertender Begriff.

Die knifflige Frage dabei ist, wovon sich die etablierte Wissenschaft lieber abgrenzen sollte und wovon nicht. In einer Reihe von Fällen ist leicht zu erkennen, ob Pseudowissenschaft betrieben wird: Expeditionen, die zum Schneemenschen oder zur Arche Noah aufbrechen (bei Erscheinen dieses Buches wird ein Trupp Amerikaner aus dem « Genesis Institute» in Kurdistan nach dem biblischen Rettungsboot suchen), Astronomie zwecks Untermauerung des geozentrischen Weltbildes oder auch quantentheoretische Überlegungen zum Bermuda-Dreieck gehören beispielsweise in diese Kategorie. Hier funktioniert die Entenregel ganz gut («Was watschelt, schnattert und aussieht wie eine Ente, das ist eine Ente »). Doch es gibt auch andere Fälle, in denen erst herauszufinden wäre, ob es sich um Pseudowissenschaft handelt oder nicht, dazu gehören allerlei Theorien der Psychologie und Psychoanalyse.

Ein Forschungsprojekt wird in der Regel als Pseudowissenschaft bewertet, wenn es eines der drei folgenden Kriterien erfüllt:
  • Es stützt sich auf Theorien, die widerlegt sind - etwa die Behauptung der Homöopathie, ein im Verhältnis 1 : 1000 000 000 verdünnter Stoff könne, richtig geschüttelt, physiologische Heilwirkungen im menschlichen Organismus entfalten.
  • Es stützt sich auf Theorien, die mit dermaßen geringer Wahrscheinlichkeit zutreffend sind, daß es nicht lohnt, sie ernsthaft zu überprüfen - etwa die Grundannahme der Paläovisitologie, wonach prähistorische Ufonauten das Menschengeschlecht zivilisierten.
  • Es stützt sich auf Methoden, die heutigen Anforderungen an Strenge, Kritisierbarkeit und Überprüfbarkeit nicht gerecht werden — dazu gehören Versuche, Hierarchien in der Welt der Dämonen zu systematisieren.

Indem sie sich regelmäßig mit neuen Prätendenten auf Zugehörigkeit auseinandersetzen muß, ist die offizielle Wissenschaft zur Selbstbefragung gezwungen. Just darin besteht der Nutzen der Parawissenschaften, auch der deutlich pseudowissenschaftlichen unter ihnen.

In vielen Ländern gibt es eine regelrechte Bewegung, die sich der kritischen Beobachtung parawissenschaftlichen Treibens widmet, ihre Mitstreiter nennen sich «Skeptiker». In Deutschland ist das die «Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.» (GWUP, Postfach 1222, 64380 Roßdorf), und in den USA deren Vorbild, das «Commitee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal» (CSICOP; Kontakt: Paul Kurtz, CSICOP, Box 703, Buffalo, NY 14226-0703, U.S.A.). Das CSICOP gibt den Skeptical Inquirer heraus, eine Vierteljahreszeitschrift. Ihr sind die Texte dieses Buches entnommen.

Im Skeptical Inquirer schreiben Wissenschaftler, manchmal Laien, ab und zu auch Journalisten (also eine Mischung aus beidem). Selten ist ihr Stil brillant, zuweilen schreiben sie akribisch, mitunter erwähnen sie Quellen, die nur dem Fachmann zugänglich sind, hin und wieder verweigern sie dem Leser das, was er als « Schluß » zu lesen gewohnt ist. Indes, fast immer haben es die Texte in sich; einige, die mir in den letzten Jahren besonders gut gefallen haben, habe ich, zum Teil gekürzt, für dieses Buch ausgewählt. Der Dank muß den Übersetzern gelten, sie haben die Hauptarbeit geleistet.

Die Skeptiker-Bewegung treibt die Skepsis nicht bis zum Äußersten. Jeder Satz, den wir bilden können, birgt irgendeine Ungewißheit in sich; wer die Skepsis übertreibt, dem werden alle Sätze gleichermaßen zweifelhaft. Seit Jahrhunderten gibt es philosophische Strömungen, die den Zweifel zum Dogma erheben (ein Dogma, an dem sie selber selten zweifelten). Auf einen griechischen Philosophen namens Gorgias wird das Bonmot zurückgeführt: Nichts ist; und wenn etwas wäre, könnte es nicht erkannt werden; und könnte es erkannt werden, so ließe es sich nicht mitteilen. Es waren nicht selten radikale Skeptiker wie die Philosophen Montaigne oder Kierkegaard, die folgerten: Wir können nichts wissen, also müssen wir -glauben.

Die Skeptiker-Bewegung, die dieses Buch möglich gemacht hat, verfolgt ein anderes Ideal, nämlich das der wissenschaftlichen Kritik: Nichts, absolut nichts bleibt der Kritik entzogen. Wer etwas behauptet, ist beweispflichtig. Und je stärker, ungewöhnlicher, abweichender eine Behauptung, desto strengere Anforderungen sind an ihre Begründung zu stellen. Die letzte Forderung klingt ein wenig ungerecht. Wem sie mißfällt, dem antwortet Martin Gardner, einer der Autoren des Skeptical Inquirer, gern mit einem Beispiel: Wenn Sie mir sagten, Sie hätten eine Ziege im Garten, dann könnte ich Ihnen glauben. Wenn Sie sagten, Sie hätten ein Einhorn im Garten, könnte mich noch nicht einmal ein Foto überzeugen - ich würde nicht eher ruhen, als bis ich es mit eigenen Augen gesehen hätte.

Doch was heißt «beweispflichtig» ? Nicht mehr und nicht weniger, als daß die allgemein anerkannten Standards für wissenschaftliche Beweise erfüllt werden müssen. Diese Standards werden, um ein Beispiel zu geben, nicht von astrologischen Expost-Analysen eingehalten, wie sie kürzlich in der Zeitschrift Astrologie heute zu lesen waren. Da untersuchte eine Astrologin den Crash des El-Al-Jumbos am 4. Oktober 1992. Seitenlang befaßt sich der Text, anstatt mit der mißglückten Landung selbst, mit den Auspizien des Starts (18.22 Uhr) und schließt mit schlafwandlerischer Sicherheit: «Von allen Zeitpunkten, an denen Flugzeuge hätten starten können, waren diese und die folgende Minute (18.23 Uhr) am kritischsten. Und genau in diesem Moment startete die El-Al-Maschine.» Nur leider hat das niemand vorher gewußt.

Was Astrologen vorauszuwissen vorgaben, trat indessen häufig genug nicht ein: Hätten sich die letzten zehn Jahre an die Zeichen am Firmament gehalten, dann wäre Khomeini vom Dach einer Moschee in Mekka geschubst worden, die Rote Armee hätte Israel besetzt, Lady Di eine Tochter anstelle eines Sohnes entbunden, und Bremerhaven wäre von einer Sturmflut verwüstet worden.

Hinterher ist man immer schlauer.

Das weiß jeder vorher.

Nicht besser ist die Methode, nach irgendwelchen Entsprechungen zu suchen und über die Funde sodann zu theoretisieren. Ein besonders schönes Beispiel ist die Radosophie. Ihr Begründer Cornelis de Jager führt vor, daß alles und jedes paranormal betrachtet werden kann, wenn wir es nur richtig machen.

Spätestens an dieser Stelle wenden einige Leute ein, hier werde wissenschaftsimperialistisch argumentiert. Wissenschaft sei auch nur ein Uberzeugungssystem und als solches so gleichberechtigt wie alle anderen Überzeugungssysteme, wie der Schamanismus etwa oder der Glaube an Naturgeister. Das klingt sehr liberal und progressiv, und aus dem Munde von Ethnologen, die recht häufig so argumentieren, klingt es auch, als richte es sich gegen die Arroganz des weißen Mannes.

Nur — was heißt «gleichberechtigt»? Was mit gleichem Recht behauptet werden darf, muß deswegen noch nicht gleichermaßen sinnvoll sein. Der Aufsatz von Bernard Ortiz de Montellano über «Multikulturelle Pseudowissenschaft» argumentiert eindrucksvoll (und aus berufenem Munde) dagegen, daß im Namen der Gleichberechtigung aller Kulturtraditionen ausgerechnet den Kindern, die ethnischen Minderheiten angehören, die Kultur der wissenschaftlichen Kritik vorenthalten wird.

Neben Aufsätzen, die in der einen oder anderen Weise wissenschaftsphilosophischer Natur sind, habe ich für dieses Buch ein paar Erklärungsversuche für Paraphänomene ausgewählt. Dabei sind besonders die Arbeiten von Susan Blackmore zu erwähnen.

Die britische Psychologin ist auch deshalb ein Sonderfall, weil sie die Berichte von übersinnlichen Erfahrungen nicht von vornherein als Flunkerei ansieht. Ihre Arbeitshypothese lautet, daß es innere Erlebnisse gibt, deren paranormale Deutung nur zu verständlich ist. Susan Blackmore erwähnt, selbst derlei Erfahrungen gemacht und sogar willentlich herbeigeführt zu haben (ihre Bereitschaft zu unerschrockenen  Selbstversuchen stellte sie beim GWUP-Jahrestreffen 1993 unter Beweis, als sie unter Anleitung eines indischen Anti-Gurus Glasscherben aß).

Dabei stößt sie zu Fragen vor, die auch unter Philosophen, Erforschern der «Künstlichen Intelligenz» und Psychologen seit längerer Zeit diskutiert werden; Was ist «ich » ?

Vor wenigen Jahren, auf dem XV. Deutschen Kongreß für Philosophie in Hamburg, trug ein junger Dozent aus Gießen sehr Interessantes dazu vor. Thomas Metzinger beschäftigte zunächst eine Frage, die ein wenig abseitig klang und zuvor schon von dem US-amerikanischen Philosophen Thomas Nagel gestellt worden war: «Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?» Die Frage erwies sich als langlebig, zumal das bald darauf einsetzende Massenexperiment (die Batman-Welle) keinen weiteren Aufschluß gab.

Was Nagel und ebenso Thomas Metzinger interessierte, war die Frage, wieso unsere Wahrnehmung und unser Denken eigentlich «perspektivisch » sind - wieso sehen wir die Welt in einer Perspektive, deren Ausgangspunkt irgendwo hinter unseren Augen liegt; wieso hören wir stereophonisch, mit einem fiktiven Zentrum im Kopf; wieso fühlen und denken wir subjektiv? Metzinger, ganz im Philosophenjargon, fragte: Wie entsteht «Meinigkeit» ?

Er behauptete, so wenigstens habe ich (wer? ich ? — ach so) ihn verstanden, daß in unseren Hirnen die Welt simuliert wird. Bei diesen Simulationen träten mehrere Modelle für bestimmte Aspekte der Welt in Aktion; eines davon ist ein Selbstmodell, das uns «ich» sagen, denken und fühlen läßt. Es verhilft uns zu Kontinuität; das hat vor fast neunzig Jahren schon einmal der amerikanische Philosoph Charles S. Peirce in aller Schärfe gesagt: «Ich existiere eigentlich nicht. Was existiert, ist nur ein Fall von mir, und ich existiere in diesem Fall insofern, als ich sein Gesetz bin.»

Danach wären wir sozusagen Simulanten, die sich selbst hervorbringen oder sich vormachen, jemand zu sein. Die Psychologie hat viele Fälle präsentiert, in denen unbewußt entschieden wird; und erst im nachhinein kommt dann ein Programm namens «ich» daher und reklamiert die Entscheidung für sich, obwohl sie in Wahrheit die Leistung anderer Programme im Kopf war. So bleibt alles schön ins Ich integriert.
Wir Oberprimaten haben so ein imperialistisches Ich-Programm wohl gebraucht, um smarter zu sein als der Rest. Der Witz ist, daß wir uns auch sehr wohl Selbstmodelle anderer Menschen vorstellen können, weshalb wir mit ihnen zuweilen recht ordentlich kommunizieren. Selbstmodelle von Fledermäusen hingegen, sollte es sie überhaupt geben, müssen uns wohl auf ewig unzugänglich bleiben.

Wenn aber das Ich-Programm abstürzt, dann halten wir uns möglicherweise für eine andere Person. Susan Blackmore steuert eine weitere Idee bei: Eines der Programme in unserem Kopf bewertet Empfindungen als real oder eingebildet; wenn dieses Programm zeitweilig ausfällt, dann geschehen Susan Blackmores Theorie zufolge in uns Dinge, die uns später wie real durchlebte Paranormalitäten vorkommen. Wir haben dann nicht bloß die Vorstellung gehabt, außerhalb unseres Körpers oder sogar eine andere Person gewesen zu sein, sondern sind uns dessen gewiß.

Es könnte auch sein, daß während intensiver Meditation oder nach Konsum bestimmter Drogen das Programm für den Realitätssinn kurzzeitig außer Kraft gesetzt wird, so daß die vom Bewußtsein aufrechterhaltene Mauer zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit fällt. Darauf scheinen mir beispielsweise die vielen eigenartig übereinstimmenden Berichte über das Fliegen hinzudeuten: Schon der Neapolitaner Giovan Batista della Porta schilderte 1589, wie sich «Hexen» mit einer Paste (aus Kinderfett, Eisenhut, Pappelblättern, Fledermausblut, Teufelskirsche und Öl) einrieben, woraufhin sie high wurden und zu fliegen anhoben — nicht anders als Jahrhunderte später Carlos Castañeda in seinen Drogenbüchern. Und nicht jeder findet so schmerzlich seinen Realitätssinn wieder wie jener junge Mann, der auf einem besonders gelungenen Video der niederländischen Skeptiker-Bewegung betrachtet werden kann. Der weißgekleidete Anhänger der «Transzendentalen Meditation» (TM) sitzt im proppenvollen Hörsaal der Technischen Universität Eindhoven und meditiert. Er will fliegen; gelingt es ihm, steht ihm ein Preis von 100000 Gulden zu. Das Publikum hält den Atem an, als sich der Jüngling nach minutenlangem Sitzen ein wenig lupft. Das Abheben gelingt freilich nicht: Mit säuerlichem Lächeln verläßt der TM-Adept sein Meditationskissen und muß nun seinen Teil der Verabredung erfüllen, nämlich den Skepter abonnieren, das Zentralblatt der niederländischen Skeptiker-Bewegung.

Neben den individuellen Ursachen für die persönliche Gewißheit eigener paranormaler Erlebnisse gibt es weitere Gründe für den verbreiteten Glauben an das Paranormale. Einige Autoren beschäftigen sich mit sozialpsychologischen Ursachen, also dem eher geläufigen Phänomen, daß Hokuspokus in Krisenzeiten Konjunktur hat. Interessanteres gibt es allerdings zu entdecken, wenn wir aus einer anderen Perspektive auf das Problem blicken: Gibt es hokuspokustypische Eigenschaften, die den Menschen besonders ansprechen ?

Eine gibt es zumindest, nämlich die Bildhaftigkeit des Hokuspokus. Sie funktioniert großartig. Die guten alten Radioröhren waren heiß, deshalb war der Klang wärmer. Unter Millionen Menschen finden zwei Menschen zueinander, also waren sie füreinander bestimmt. Das Auge ist ein so kompliziertes Instrument, das muß doch jemand eigens entworfen haben, ein Schöpfer - so lautet das ehrwürdige Argument des Erzdiakons William Paley (1743 — 1805), dessen Satz «Design must have a designer» noch heute die schärfste Waffe des Kreationismus ist, jener Bewegung, die den biblischen Schöpfungsmythos wörtlich nimmt.

Ein besonders eindrucksvolles Bild ist die «Rache der Natur». Der Mensch schändet die Natur, und diese schlägt zurück — ihre Soldaten sind Millionen von Raupen, die 1993 im Nürnberger Stadtwald auf Jogger koten, oder die Quallen, die 1984 ganz Florida in helle Panik versetzten: Sie hatten den Kühlwasserzufluß eines Atomkraftwerks besetzt. Vier Jahre später knipste eine Katze zehntausend Häusern der südenglischen Hafenstadt Barnstaple das Licht aus - sie hatte sich in einer elektrischen Umspannstation herumgetrieben, wo sie Bestandteil eines Kurzschlusses wurde (sie war, dieser Kalauer muß sein, sozusagen eine Kamikatze). Der Londoner Flughafen Heathrow lag gleichfalls eines Nachts im Dunkel: Zu viele Ratten hatten in zu viele Kabel gebissen. Auf einem sowjetischen Flughafen wiederum machten Vorjahren größere Tiere Ärger: Mehrere Affen, ihren Transportkäfigen entkommen, spielten ein bißchen mit den Lastenaufzügen und brachten die ganze Logistik menschlichen Startens und Landens durcheinander.

Ungeziefer zerfrißt Bibliotheken, Wildschweine zerwühlen Maisfelder, Maulwürfe untergraben Hobbygärtner. Als ein frustrierter Gartenfreund zum Gift greifen und, zwecks Illuminierung seines nächtlichen Anschlags, sein Auto in Position bringen wollte, da sprang der Wagen unversehens rückwärts, drückte die Wand der Gartenlaube ein, warf einen Benzinkanister um und setzte alles, Auto, Laube, Büsche und Bäume, in Brand.
Warum finden wir derartige Geschichten irgendwie aufregend? Weil wir Menschen uns gegenüber Mutter Natur schuldig fühlen und ihre Strafe fürchten. Die kleinen Anekdoten entlasten ein wenig von der Angst vor dem großen Vergeltungsschlag. Alfred Hitchcock hat von dieser Angst gewußt, als er seinen Film «Die Vögel» drehte (einem neuseeländischen Wilderer flog tatsächlich vor ein paar Jahren eine Ente gegen den Kopf, er ging k.o. zu Boden, das Tier setzte nach, brach ihm das Nasenbein und hackte ihm beide Augen aus). Mittlerweile bricht die Angst bei jeder Anomalie des Wetters hervor: allenthalben ist es dann zu hören und zu lesen — die Natur übe Rache für das, was der Mensch ihr angetan hat.

Die Natur kann sich nicht rächen. « Mutter Natur » ist keine Person — mit dieser Ideologie befaßt sich Phil Shannon in seinem Aufsatz (Seite 175 ff). Wenn es heißt: die Natur wird geschädigt, so ist das nur ein verkürzter Ausdruck für: der Mensch schadet seiner Umwelt, also sich selbst. Umweltbewußtsein ist letztlich ein wohlverstandener Egoismus - und wenn nicht, so ist es religiös, denn es unterwirft den Menschen einer höheren Autorität.

Hokuspokus ist immer bildhaft und dramatisch, nie abstrakt. Just dies hat er vielen Naturwissenschaften voraus. Außerdem lebt er von dem verbreiteten Wunsch, auf alles eine einfache Erklärung zu wissen. Es ist allemal bequemer, von krankmachenden Erdstrahlen zu faseln, die sich nicht messen lassen, als die Mühe auf sich zu nehmen, die vertrackte Epidemiologie und Pathologie zu studieren.

Früher war Satan für alles Böse in der Welt verantwortlich (der Papst sieht das heute noch so); an die Seite des Dämonenglaubens sind heutzutage allerlei Verschwörungstheorien getreten. Der amerikanischen «Fiat Earth Society» ist die Kugelgestalt der Erde eine Lüge von Staatszerstörern, Ufologen beschuldigen die Geheimdienste der Vertuschung (Seite 77ff), und auch Kreationisten bekämpfen in der Evolutionsbiologie ein Komplott von Konspirateuren: «Sie treten in vielen Larven auf - Darwinismus, Marxismus, Okkultismus, Sozialismus, Nazismus, Existentialismus und zahllosen anderen —, aber sie alle beruhen auf der Evolutionslehre, der Pseudowissenschaft par excellence » - so lesen wir in einem Pamphlet aus dem «Institut für Schöpfungsforschung» (ICR) im kalifornischen El Cajon.

Der Antisemitismus der Nazis lebte nicht zuletzt von Verschwörungstheorien; sie witterten beispielsweise hinter der modernen Physik ein jüdisches Komplott. (Nicht wenige von ihnen hingen übrigens der parawissenschaftlichen Hohlwelt-Theorie an, nach der die Erde eine hohle Kugel ist. Der harten Version dieser Theorie zufolge leben wir auf der Innenseite dieser Kugel - die Welt ist rundum konkav.)

Hokuspokus segelt hart am Wind der menschlichen Psyche, weshalb ihm mit Spott allein nicht beizukommen ist. Und mit Vernunft? Vielleicht auch nicht, doch könnte eine Dosis Aufklärung jene imprägnieren, die unentschieden sind. Die Skeptiker dürfen sich die Arbeit freilich nicht zu leicht machen. Die bereits erwähnte Susan Blackmore etwa beklagt, daß die Skeptiker-Bewegung auf dem Gebiet der Para-psychologie nicht gerade Meisterleistungen vollbringt, sondern noch die Schlachten der Vergangenheit austrägt, während die Parapsycholo-gen anderswo in die Offensive gehen.

Frau Blackmore meint damit die «Ganzfeld-Experimente», die der vor kurzem verstorbene Psychologe Chuck Honorton an Universitäten in New Jersey und Edinburgh unternommen hat. Eine Versuchsperson, der « Empfänger », sitzt in einem schallisolierten Raum. Auf seinen Augen kleben halbierte Pingpongbälle, die mit Rotlicht bestrahlt werden, und in die Ohren speist ein Kopfhörer Rauschen ein. Spätestens nach einer Viertelstunde sieht der audiovisuell isolierte Proband bunte Bilder, ähnlich denen, die viele Menschen kurz vor dem Einschlafen wahrnehmen. Der «Sender», die zweite Versuchsperson, sitzt in einem anderen Raum. Ihm zeigt ein Videorecorder ein Foto oder eine Filmsequenz, ausgewählt von einem Computer mit Zufallsgenerator. Der «Sender» konzentriert sich auf die Bilder; anschließend werden diese und andere dem «Empfänger» vorgelegt. Der soll nun auf die Bilder zeigen, die seinen Imaginationen am nächsten kommen.

Und siehe da: Bisher konnte noch niemand Honortons Resultate widerlegen, denen zufolge eine signifikante Entsprechung zwischen den Sender- und Empfängerbildern besteht. Susan Blackmore sieht darin «eine Herausforderung für alle Skeptiker».

Freilich ist die Telepathie damit nicht bewiesen. In Honortons Versuchsanordnung hätte der Experimentator durchaus die Chance herauszufinden, welche Videos der Sender sieht; da er anschließend dem Empfänger hilft, Ähnlichkeiten der Imaginationen mit den vorgelegten Bildern auszumachen, könnten auf diesem wenig übersinnlichen Wege Informationen vom Sender zum Empfänger gelangen. Doch das sind Vermutungen. Es hilft nichts: Honortons Ergebnisse müssen überprüft werden, in anderen Studien gleichen und abweichenden Designs. Das soll auch geschehen, nur sind es allesamt überzeugte Parapsychologen, die sich dieser Aufgabe widmen — wo bleiben die Skeptiker ?

Derlei Überprüfungen sind eine haarige Angelegenheit. Die Re-Analyse der Astrologiestudie in der britischen Zeitung The Guardian (Seite 151 ff) demonstriert, daß der Skeptical Inquirer zuweilen hammerharte Wissenschaft enthält.

Überdies beglückt der Skeptical Inquirer mit allerlei fröhlich stimmenden Texten über liebgewordene Mythen, wie die Auswahl für dieses Buch hoffentlich auch zeigt: Nachdem im ersten Teil die Radoso-phie begründet und diskutiert wird, läßt sich der zweite Teil auf die Legenden ein und stellt Versuche vor, sie auf ihren rationalen Gehalt hin abzuklopfen. Der dritte Teil befaßt sich mit Theorien, die erklären wollen, wer was warum glaubt; im letzten Teil geht es um die Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft.

Die Legenden im zweiten Teil sind keineswegs nur in den Vereinigten Staaten im Schwange. Zu ihnen gehört die auch hier bekannte Behauptung, verschlüsselte Botschaften auf Tonkassetten würden, für das Bewußtsein unzugänglich, auf das Unbewußte im Hörer zielen und ihn manipulieren können. Auch der UFO-Kult hat deutsche Anhänger (ihnen gilt die kritische Aufmerksamkeit des Entlarvungsjournalisten Klaus Webner, dessen sehr seltsames Buch < Wesen aus dem Weltraum? >, im Eigenverlag herausgegeben, zum Beispiel nachweist, daß angeblich auf fremden Planeten aufgenommene Fotos einer menschenähnlichen Lebensform vorher in einem Nudistenblatt erschienen waren, freilich mit ganz anderen Bildunterschriften). Speziell deutsche Vorlieben scheinen die Homöopathie (zugegeben: in Indien ist sie ebenfalls stark vertreten) und das «Muten» mit der Wünschelrute zu sein.

Seit einiger Zeit ergießt sich eine regelrechte Welle paranormalen Inputs in deutsche Wohnzimmer: In der Serie «Phantastische Phänomene» (Satl) gaben Geistheiler, Hellseher und Wünschelrutenläufer ihre Weisheit zum besten, es flogen die Ufos und bogen sich die Löffel (wie die Balken); in der Serie «Unerklärte Geheimnisse» (RTL) fuhren Tote Taxi; in der Serie «Psi» (3. Fernsehprogramm des Bayerischen Rundfunks) wurden Kontakte ins Jenseits angebahnt; in «Einspruch» (Satl) trat zur Freude des deutschen Ober-Ufologen von Buttlar ein wiedergeborener Außerirdischer auf.

Wacker streitet das GWUP-Zentralblatt Skeptiker gegen diesen Trend, doch noch immer gibt es viel zu wenige Wissenschaftler bei uns, die es ihren amerikanischen Kollegen nachtun und den Obskurantismus auf die Hörner nehmen - und zwar nicht doktrinär oder mit akademischem Gehabe, sondern mit ihrer schärfsten Waffe: der methodenstrengen Skepsis. Nötig wäre es, denn in dieser Welt ist jedes bißchen Vernunft eine Kostbarkeit.

Jake dachte genauso. «Die Raumfeuchtigkeit», warf er ein.

Mrs. Hoffmann blickte fragend auf, sie war es nicht gewohnt, unterbrochen zu werden.

«Natürlich», wiederholte er, «die Raumfeuchtigkeit. Sie kondensiert am Dosenrand, stimmt's? Das Wasser läuft runter, seh'n Sie, und dichtet den unteren Rand der Dose ab. Deswegen kann die Luft unter der Dose nicht mehr raus. Tja, nun erwärmt sie sich ein bißchen, und wir haben ein Luftkissenboot - versteh'n Sie? - praktisch ohne Reibung. Hoovercraft, schon mal gehört ? Kein Tisch steht perfekt gerade, auch der hier nicht. Also beginnt die Dose zu gleiten.» — «Mh.»

Mrs. Hoffmann wollte das alles gar nicht wissen.


 

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Bearbeitungsstand: 28.06.2009


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