H. Platta: New-Age-Therapien
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1997, ISBN 3-499-60233-4
1. Kurzbeschreibung
2. Leseprobe
Die körper- und atemorientierten Therapien des New Age finden immer größeren Zulauf. Sie versprechen eine Intensivierung des Lebensgefühls, mehr Raum für Emotionen und die Heilung der Trennung von Verstand und Gefühl, Kopf und Bauch. Doch diese Therapien sind nicht unumstritten. Insbesondere die Atemtechniken, die mit gesundheitlichen Risiken verbunden sein können, aber auch der Bezug auf esoterische Elemente wie den Karma-Glauben haben viele der neuen Therapien in Verruf gebracht. In diesem Buch kommen sowohl Befürworter als auch Kritiker der sogenannten New-Age-Therapien zu Wort.
Zehn Empfehlungen zum Umgang mit den neuen Psychotechniken der «New-Age-Bewegung»
Es dürfte deutlich geworden sein: Ich halte die hier vorgestellten Behandlungsverfahren nicht für Psychotherapien. Und insofern könnte ich - statt der folgenden Empfehlungen - auch nur einen Ratschlag geben: Meiden Sie, wenn Sie um psychotherapeutische Hilfe nachsuchen, diese sogenannten Psychotherapien.
Aber: Im Rahmen wirklich hilfreicher Konzepte könnten womöglich auch die hier präsentierten Psychotechniken hie und da sinnvoll sein. Und: Durch kritische Bücher allein werden sich Hilfesuchende mit Sicherheit nicht aufhalten lassen, auch im Umkreis dieser Interventionstechniken nach Beistand zu suchen — vor allem dann, wenn sie schon langjährig erfolglos gebliebene «Therapiekarrieren» bei sogenannten seriösen Verfahrensweisen hinter sich haben. Denn natürlich gibt es diese Negativerfahrungen auch bei den unumstritteneren Schulen der Therapie. Oder anders gesagt: Keine Psychotherapie kann besser sein als der Therapeut, der sie zu vermitteln sucht. Auch die «gute» Schule bedarf der «guten» Therapeuten-Persönlichkeit für den Therapie-Erfolg. Freilich — diese These gilt mit Sicherheit auch umgekehrt: Ein fehlerhaftes oder grundlegendes irriges Therapiekonzept kann nicht zur Gänze kompensiert werden durch die Güte seines Betreibers. Deshalb abschließend einige Empfehlungen für die «Gesunden», denen es vielleicht nur um «Selbsterfahrungen» in diesem Bereich geht, und für die Patienten, die trotz aller Warnungen von dieser Szene (noch ?) nicht lassen mögen; Empfehlungen, die den Schaden nicht verhindern können, aber womöglich in Grenzen halten, Empfehlungen, die zumindest nicht schaden dürften und den einzelnen darin bestärken sollen, gegebenenfalls früher Schluß zu machen mit seinen Irrwegen in diesen Gefilden sogenannter Therapien.
Erstens: Stellen Sie sich die Frage: «Was möchte ich von dieser Therapie?» Die große «Erlösung» von allen Ängsten, Beschwerden oder Übeln dieser Welt? Oder «nur» Beratung in konkreten Lebensfragen ? Geht es schlicht um okkulte Abenteuerlust, oder benötigen Sie Hilfe bei einer seelischen Störung, mit der Sie selber nicht mehr allein fertig zu werden vermögen (bei einer Platzangst zum Beispiel, bei einem Waschzwang, bei einem Suchtproblem oder bei stets sich erneuernden Krisen in der Partnerschaft), bei Problemen, die auch Ihre Freunde oder Lebenspartner nicht mehr auffangen können? Es ist gut, wenn Ihr potentieller Psychotherapeut weiß, ob er mit Ihnen ein neues Haus bauen soll oder «lediglich» eine Tür zu reparieren hat, die klemmt. Und: Ob er sich selber in diesen Fragen für kompetent hält. Apropos: Es gibt keine « guten » und « schlechten» Probleme, es gibt nur - für Ihre Probleme - «schlechte» oder «gute» Therapeuten!
Zweitens: Haben Sie bei dem Erstgespräch mit Ihrem Psychotherapeuten den Eindruck, daß er auf Ihre Probleme und Wünsche einzugehen vermag - und das heißt zunächst einmal: daß er Ihnen mit einigem Verständnis und mit glaubwürdiger Geduld zuhören kann ? Erklärt er sich für Ihre Störung als kompetent — und haben Sie, bei allem Anfangszweifel vielleicht, der verständlich ist und den Sie weder sich noch Ihrem Therapeuten verschweigen sollten, ein erstes Vertrauensgefühl zu Ihrem potentiellen Psychotherapeuten?
Drittens: Ist Ihnen Ihr potentieller Psychotherapeut also sympathisch? Spüren Sie Verständnis? Teilt sich Ihnen, wie diffus auch immer, ein Qualifikationsgefühl mit? Dieser persönliche Eindruck ist wichtig, er ist von Ihnen ernst zu nehmen und, wenn er fehlt, nicht wettzumachen durch irgendwelche Zertifikate, die Ihr potentieller Helfer vielleicht in seinem Behandlungszimmer aufgehängt hat. Bedenken Sie: Sie möchten ein Arbeitsbündnis mit Ihrem Psychotherapeuten eingehen, um mit ihm gemeinsam Ihre Probleme angehen zu können, nicht ein Bündnis mit Ihren störrischen Problemen gegen einen Psychotherapeuten, den Sie von vornherein nicht mögen oder emotional in seiner Kompetenz in Zweifel ziehen.
Viertens: Sehr wichtig ist, gerade in Ihrer ersten Phase der Unsicherheit, die Beachtung dieser höchstpersönlichen Eindrücke von Ihrem potentiellen Psychotherapeuten. Zwingen Sie sich also nicht gegen eigenen «Instinkt» oder eigene Überzeugung in eine Therapie (der Psychotherapeut, den Sie womöglich nicht mögen, ist für den anderen Patienten vielleicht der Idealfall). Aber: Fragen Sie auch nach seiner Ausbildung, Erfahrung und fachlichen Qualifikation! Lassen Sie sich erklären, nach welcher Konzeption Ihr potentieller Psychotherapeut arbeiten will. Achtsames Vertrauen ist immer besser als selbstverblendende Vertrauensseligkeit.
Fünftens: Unternimmt Ihr potentieller Psychotherapeut mit Ihnen das, was man in der Fachterminologie eine gründliche «Anamnese» nennt: Fragt er Sie also, so behutsam wie genau, nach Ihrer Vorgeschichte? Tut er dies mit Interesse, läßt er sich Zeit dafür? (Die Anamnese kann oft mehrere Stunden in Anspruch nehmen und — sie darf das. Wer es am Anfang — als Patient oder Psychotherapeut - zu eilig hat, steht in der Gefahr, für die eigentlich kritischen Phasen keine Puste mehr zu haben.) Und: Klärt ein Psychotherapeut der hier vorgestellten Behandlungsverfahren auch Ihren körperlichen Allgemeinzustand ab, oder veranlaßt er Sie dazu ? Es ist seine Pflicht bei derart körperwirksamen Interventionsmethoden!
Sechstens: Konfrontiert Ihr potentieller Psychotherapeut Sie in dieser Anfangsphase bereits (oder auch später!) mit allzu paradiesischen Überversprechungen, was Wirksamkeit, Tempo, Intensität «seiner» Psychotherapie-Schule betrifft und angeblich leichte Behebbarkeit Ihrer Probleme? Oder hält er sich, was einzig angemessen ist, mit vorschnellen Deutungen und derartigen Überversprechungen zurück? Besser, Ihr Psychotherapeut vereinbart mit Ihnen einen - für beide Seiten wichtigen — Probezeitraum der gemeinsam zu beginnenden Therapie und betont, wenn auch mit einem gewissen Grundoptimismus, die Offenheit dieses Prozesses, als daß er Ihnen mit irgendwelchen Durchbruchsverheißungen kommt oder Erlösungsfantasien. Kein Mensch verfügt über göttliche Fähigkeiten - und es gibt keine psychotherapeutische Methode, die einem Menschen Gottähnlichkeit verleiht: selbst wenn das ganze Ihrem Wunsch nach Hilfe entspricht - und womöglich auch dem Selbstbild des Therapeuten.
Siebtens: Vorsicht auch bei sogenannten Psychotherapeuten, die Ihnen gleich mit «Weltanschauung» kommen, mit irgendwelchen Psi-, Religions- oder Weltdeutungsvorstellungen, welche diesem «Therapeuten» bei all seiner begeisternden Begeisterung womöglich mehr am Herzen liegen, als Sie es tun mit Ihren vergleichsweise «kleinen», «unbedeutenden» Problemen! Sie sollen bei einer Psychotherapie nicht Gegenstand quasitheologischer Erweckungsbedürfnisse sein und willkommener Neuzugang in einer Weltanschauungssekte (letztlich also: ein Mittel zum Zweck der Wertsteigerung Ihres «Therapeuten»), sondern es geht bei einer Psychotherapie einzig und allein um Sie, um Ihre Probleme, um Ihre Befreiung vom Leid. Sie haben im Mittelpunkt zu stehen, nicht die narzißtische Feier einer Therapie oder des Therapeuten!
Achtens: Vorsicht deshalb bei Psychotherapeuten, die Ihnen womöglich schon vor Behandlungstermin irgendwelche Verzichtserklärungen aufnötigen wollen (= «Bei Versagen der Therapie oder Zusammenbrüchen verzichte ich, der Patient, auf jegliche Regreßansprüche und so weiter ...»); kein seriöser Psychotherapeut fordert dergleichen. Und: Vorsicht bei Psychotherapeuten, die schon in den ersten Stunden (oder auch später) zu verstehen geben, daß Sie der Schuldige sind, wenn Ihre Therapie stagniert oder scheitert, und daß es in diesem Arrangement Patient — Therapeut — Therapie grundsätzlich nur einen Versager geben kann: nämlich Sie! Nur ein höchst unvollkommener Psychotherapeut hat es nötig, derart auf seine Vollkommenheit zu pochen oder auf die Vollkommenheit seiner von ihm narzißtisch hochbesetzten Behandlungsmethode.
Neuntens: Vorsicht bei allen Psychotherapeuten, die Ihnen neben den Heilungsversprechen mit drohendem Unterton alle möglichen «Wahrheiten» einreden wollen: den Glauben an Reinkarnation etwa, Götterbegegnung, Wiedererlebnis Ihrer Zeugung oder Geburt. Mag Ihr potentieller Psychotherapeut davon höchstpersönlich überzeugt sein: Ihnen hat er die Freiheit zu lassen, daran zu glauben oder nicht. Und tun Sie es nicht, behandeln Sie deswegen solche Erlebnisse nur als Fantasien, so darf ein guter Therapeut darauf nicht mit Ablehnung reagieren. Tut er es trotzdem, kommt er Ihnen sogar mit Aggressionen, oder stößt er Drohungen aus («Dann scheitert eben Ihre Therapie ...!», « Dann ist eben Ihre Therapie hiermit beendet!»), dann ist Ihre Therapie, so traurig das sein mag, tatsächlich in dieser Minute zu Ende — gescheitert nämlich an Ihrem « Psychotherapeuten ». Er hat die Therapie beendet, nicht Sie, er hat seine Weltanschauung mit Ihrem Leid verwechselt und seine eigenen Uberzeugungen höher gestellt als Sie! Solchen Eiferern sollten Sie schleunigst den Rücken kehren.
Zehntens: Generell betrachten Sie die in diesem Buch vorgestellten «Therapieverfahren» bestenfalls als Techniken im Rahmen einer übergreifenden Therapie. Nicht das «Reinkarnationserlebnis» ist die Therapie (oder die Hyperventilationserfahrung), sondern der geschulte, sensible, unideologische Umgang damit, anders: die Bearbeitung solcher Geschehnisse im ergebnisoffenen Gespräch (nebenbei: Nichts, was wirklich wirkt, kann einfach «weggeredet» werden, sehr wohl aber vertieft oder im Gespräch erst ganz verstanden!). Anders gesagt: Lassen Sie sich auf Ihr Erleben ein, auf Ihre Gefühle und Fantasien, aber verweigern Sie sich einer neuen Selbstspaltung Ihrer Persönlichkeit (nach der alten Vernachlässigung Ihrer Psyche durch Ihren Verstand zum Beispiel nun die neue Verachtung Ihrer Vernunft durch Ihre aufgeputschten Gefühle). Um die Aufhebung solcher Selbstspaltungen geht es, wenn es um Heilung gehen soll, nicht um deren Vertiefung nun von der anderen Seite her. Und auch, was im engen Zusammenhang damit steht, um die Beseitigung von Hörigkeit drüben wie hier.
Deshalb auch meine letzte Empfehlung: Vertrauen Sie auch diesen Empfehlungen nicht blindlings!
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