Thaler Singer/Lalich: Sekten - Wie Menschen ihre Freiheit verlieren und wiedergewinnen können
Auer-Verlag, 1997, ISBN 3-89670-015-4
1. Kurzbeschreibung
2. Vorwort
Margaret Singer ist Professorin in Berkeley und widmet sich dem Thema Sekten seit über dreißig Jahren. Ihre Forschungsarbeit und ihre praktische Beratertätigkeit machen sie zu einer der weltweit anerkanntesten Expertinnen auf diesem Gebiet.
Es dürfte kaum jemanden geben, der über die Psychologie der Sekten besser Bescheid weiß als Margaret Thaler Singer. Seit Jahrzehnten widmet sie sich in einer selten anzutreffenden Verbindung von beruflicher Kompetenz und persönlichem Mut dem Thema.
Margaret Singer ist sich der Komplexität des Sektenphänomens voll bewußt. Sie weiß sehr wohl, daß es ein breites Kontinuum gibt, von zwar einseitigen, aber relativ harmlosen Uberzeugungsversuchen bis hin zu systematisch eingesetzten Methoden der mentalen Programmierung. Sie weiß auch, daß es - ob physische Gewaltanwendung im Spiel ist oder nicht - vor allem um eines geht: um psychologische Manipulation. Und es ist ihr auch klar, daß das allgemeine Thema totalitärer Gruppen die Grenzen jeder einzelnen wissenschaftlichen Disziplin überschreitet und im Zusammenhang mit den großen gesellschaftlichen und historischen Kräften gesehen werden muß.
Meine eigene Beschäftigung mit demTotalitarismus reicht zurück bis in die Mitte der fünfziger Jahre, als ich die chinesischen Methoden der mentalen Umprogrammierung zu untersuchen begonnen habe; der Kreis schloß sich, als ich mich Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre dem Thema wieder zuwandte und Naziärzte untersuchte. Anfällig für den Totalitarismus sind Perioden historischer — oder psychohistorischer - Erschütterung, wenn die Symbole und Strukturen, die dem menschlichen Lebenszyklus Halt und Richtung geben, zusammenbrechen. Nicht zu unterschätzen ist in diesem Zusammenhang die Revolution der Massenmedien: Durch sie wird jeder von uns in die Lage versetztjederzeit Zugang zu Bildern und Ideen zu bekommen, die irgendwo auf der gegenwärtigen Welt oder in einem beliebigen Augenblick der gesamten Vergangenheit der Menschheit ihren Ursprung haben. Ein weiterer bedeutsamer Faktor, der die Desorientierung verstärkt, ist das Wissen, daß wir mit der Technologie des späten zwanzigsten Jahrhunderts die Mittel in der
Hand haben, uns als Spezies auszulöschen — ohne es zu wollen und ohne es korrigieren zu können. Das Ergebnis dieser vielfältigen historischen Kräfte ist das weitverbreitete Gefühl, daß wir unsere seelische Verankerung verlieren. Wir fühlen uns wie Treibholz in unbeherrschbaren Strömungen und extremen gesellschaftlichen Ungewißheiten.
Eine bedeutsame Reaktion auf diese Verwirrung ist die gegenwärtige weltweite Epidemie des religiösen Fundamentalismus. Diese Bewegung entsteht, allgemein gesprochen, aus Angst vor demVerlust von Grundwerten, die sich in der Forderung nach einem absoluten Dogma und einem monolithischen Selbst äußert - denen jetzt im Namen einer vergangenen perfekten Harmonie, die es nie gegeben hat, das Prädikat der Heiligkeit verliehen wird.
Was wir Sekten nennen, stellt einen wichtigen Ausdruck des Fundamentalismus dar. Was für den einen eine Sekte ist, ist für den anderen eine Religion - oder, gegebenenfalls, eine politische oder kommerzielle Organisation. Man muß, wie Margaret Singer uns nachdrücklich auffordert, sorgfältig unterscheiden und jede Gruppe an ihrem eigenen Verhalten messen. Ich definiere Sekten anhand eines Bündels bestimmter Merkmale. Erstens: Alle Sekten haben eine charismatische Führerfigur, die zunehmend zum Objekt der Verehrung und Anbetung wird; oft gilt sie als Spender der Unsterblichkeit. Spirituelle Ideen allgemeiner Art ebnen den Weg zur Vergöttlichung des Führers. Zweitens: In Sekten kommt es zu einer Reihe von psychologischen Prozessen, die in Richtung „Zwangsüberzeugung" oder „Gedankenreformierung" gehen, wie sie detailliert in diesem Buch beschrieben werden. Drittens: Es herrscht ein Muster der Manipulation und Ausbeutung von oben (durch den Führer und den herrschenden Klüngel) und des Idealismus von unten (auf seiten der Anwärter und Neulinge).
Aber wir sollten weder im Fundamentalismus noch in der Bildung von Sekten das letzte Wort sehen. Es gibt eine weitaus hoffnungsfrohere Alternative, die aus demselben historischen Boden erwächst. Ich denke an die Tendenz zu einem offeneren und flexibleren Selbst, das in der Lage ist, sich auf die Unsicherheiten, die uns umgeben, einzustellen. Ich habe es das proteische Selbst genannt,
nach Proteus, dem griechischen Meeresgott, der die Fähigkeit hat, sich in viele Gestalten zu verwandeln.
Das proteische Selbst ist, anders als das fundamentalistische oder Sekten-Selbst, offen und vielseitig; anstatt sich engen Vorschriften zu unterwerfen, hat es Gefallen an ausgefallenen Kombinationen und bezieht so wichtige Elemente wie Humor und Ironie mit ein. Die ständige Suche nach einem ethischen Kern fuhrt das proteische Selbst zwar immer wieder auf seine eigenen Schwierigkeiten zurück; dafür hat es aber die Eigenschaft, gegen Absolutsetzungen ebenso wie gegen das Verrennen in Sackgassen gefeit zu sein und sich die Möglichkeit von Transformation und Wandel offenzuhalten.
In der Tat glaube ich, daß die proteische Lebenseinstellung eine wesentliche Antwort auf unsere derzeitige historische Situation darstellt. Die Tendenzen zu Fundamentalismus und Sektenbildung lassen sich am besten als Reaktion gegen den Proteismus verstehen. Wie wir alle wissen, können diese Reaktionen äußerst heftig sein. Wie aber die Arbeiten des Center on Violence and Human Survival zeigen, steht auch fest, daß sich sogar Fundamentalisten proteischen Einflüssen nicht ganz verschließen. Aus diesem Grund verlassen Menschen Sekten und wenden sich vom Fundamentalismus ab.
Da die Geschichte, wie auch das Leben jedes einzelnen, sich vorwärts bewegt, gibt es keine völlige Rückkehr in die Vergangenheit. Ein Großteil des Unbehagens an unserer gegenwärtigen Welt hat mit dem Kampf zwischen proteischen und fundamentalistischen Tendenzen zu tun; das „Todesurteil" des islamischen Fundamentalisten Ayatollah Khomeini gegen den Schriftsteller Salman Rushdie ist dafür ein anschauliches Beispiel.
Viel von dem, was Margaret Thaler Singer in ihrem Buch beschreibt, spiegelt diesen Kampf wider. Wir tun gut daran, so viel wie möglich von ihrer Erfahrung zu lernen, die sie in ihrem unerschrockenen und unablässigen Einsatz für die Wahrung der geistigen Freiheit gewonnen hat.
Robert Jay Lifton, John Jay College, City University of New York
New York, Januar 1995
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