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Esoterischer Psychomarkt - Anthroposophie

Colin Goldner



Die anthroposophische Lehre ist untrennbar mit der Figur ihres Begründers, des Okkultfunktionärs Rudolf Steiner (1861-1925), verbunden. Schon in früher Kindheit, wie die Legende es formuliert, sei Steiners „primäre Erfahrung die der Welt des Seins hinter der sinnlichen Welt" gewesen (296), was ihn zu einem verschlossenen Einzelgänger und Sonderling heranwachsen ließ. Während seines Mathematik- und Physikstudiums an der Technischen Hochschule Wien entwickelte er Symptome, die, aus heutiger psychiatrischer Sicht, auf den Beginn einer schizoiden Persönlichkeitsstörung hinweisen.(297) Er selbst hielt diese Symptome keineswegs für solche, vielmehr, so spätere Biographen, für die Eröffnung eines Zuganges „zu jenem Bereich des verborgenen, geheimen oder 'esoterischen' Wissens, der - wie ein weitverzweigtes System unterirdischer Wasseradern - unter der Oberfläche unseres allgemeinen, geistigen und kulturellen Lebens besteht".(298)

1902 schloß Steiner sich der von Helena Blavatsky gegründeten Theosophischen Gesellschaft an (-> Braune Aura), der er lange Jahre als Generalsekretär in Deutschland diente. Daneben war er ab 1905 Mitglied des freimaurerischen Memphis-Misraim-Ritus, einer dubiosen Logenvereinigung, die der Leitung des selbsternannten „Sexualmagiers" und Phallusanbeters Theodor Reuß (1855-1923) unterstand; 1906 wurde er zum stellvertretenden General-Großmeister des Ritus ernannt. Im gleichen Jahr konstituierte Reuß den sogenannten Ordo Tempil Orientis (auch: Order of Oriental Templars/Orienttemplerorden/O.T.O.), in dem es in erster Linie um „sexualmagische" Praktiken und Inszenierungen ging. Man befleißigte sich bestimmter aus dem Yoga bzw. Tantrismus hergeleiteter Übungen zur „Transmutation der Reproduktionsenergie", mittels derer der Adept zum mystischen „Seher" werden sollte. Per Edikt vom 17.6.1907 setzte Reuß als „Amtierenden General-Großmeister" seines neuen Ordens „S.E.Br. Dr. Rudolf Steiner, 33o.90°.96°." (so die Bezeichnung in der Ernennungsurkunde, einschließlich der verliehenen freimaurerischen Hochgrade) ein. (299) Ob Steiner nun tatsächlich aktives Mitglied des Ordo Templi Orientis war und/oder an irgendwelchen sexualmagischen Riten oder Praktiken teilnahm, ist weiter nicht bekannt.(300) Von heutigen Anthroposophen wird jede Nähe Steiners zu Reuß und dem O.T.O. jedenfalls heftig bestritten. Nicht bestritten werden kann hingegen die Tatsache, daß Steiner sich im Dunstkreis obskurster Okkultzirkel und Geheimlogen bewegte und sein Denken maßgeblich durch die Kontakte mit deren Repräsentanten beeinflußt war.
(Der entscheidende Grund für die vehemente Abwehrreaktion der Anthroposophen gegen jeden Hinweis, Steiner sei womöglich doch [aktives] Mitglied des O.T.O. gewesen, dürfte in der Tatsache liegen, daß dessen britischer Zweig ab 1912 unter der Leitung des Okkultfaschisten Aleister Crowley stand, mit dem Steiner bzw. die Anthroposophie unter keinen Umständen in Verbindung gebracht werden soll [Steiner hatte offenbar auch de facto keinen Kontakt zu Crowley]. Selbstverständlich soll auch verhindert werden, daß Steiners Name im Kontext späterer O.T.O.-Mitläufer wie etwa L. Ron Hubbard, Gründer der Scientology Church (301), oder des selbsternannten Satans und mehrfachen Mörders Charles Manson (302) auftaucht. Der O.T.O. unterhält bis heute, vor allem in den USA, weitverzweigte Aktivitäten.)

Im Jahre 1913 kam es zum Bruch mit der Theosophischen Gesellschaft, mithin deshalb, weil Steiner sich weigerte, den von dieser drei Jahre zuvor als „Lord Maitreya", die letzte Wiederkunft Buddhas, ausgerufenen südindischen Knaben Jiddu Krishnamurti (1897-1986) als „Weltenlehrer" zu akzeptieren. Der Grund für diese Weigerung lag, neben persönlichen Ressentiments gegen einige der führenden Theosophen, in erster Linie in Steiners Beharren auf der Überlegenheit europäischer, sprich: nordischer Esoteriktraditionen über die von Blavatsky, Leadbeater und Besant favorisierten Traditionen des Ostens. Noch im selben Jahr begründete Steiner die Anthroposophische Gesellschaft, deren von wirren Rassismen und Okkultismen durchzogene Doktrin sich von der Lehre der Theosophen allerdings nur sehr unwesentlich unterschied.(303) Neu hinzu kam bei Steiner die „Erkenntnis", der Mensch besitze über den physischen Leib hinaus drei weitere (aurische) Leiber, die, einander jeweils übergeordnet, sich in je siebenjährigen Abständen zur Geburt brächten: Der „Ätherleib", der im Alter von sieben Jahren hinzugeboren würde, repräsentiere das Pflanzenreich und damit die Lebens- und Wachstumskräfte des Organismus, der im Alter von vierzehn Jahren sich gebärende „Astralleib" das Tierreich und damit die Instinktkräfte; der mit einundzwanzig Jahren hinzukommende „Ich-Leib" umfasse als geistiger Wesenskern des Menschen die drei anderen Leiber und trage, von Wiedergeburt zu Wiedergeburt, zu dessen Höherentwicklung bei. O-Ton Steiner: „Dieser 'Ich-Leib' ist der Träger der höheren Menschenseele. Durch ihn ist der Mensch die Krone der Erdenschöpfung. Das 'Ich' ist aber in den gegenwärtigen Menschen keineswegs eine einfache Wesenheit. Man kann seine Natur erkennen, wenn man die Menschen verschiedener Entwicklungsstufen miteinander vergleicht. Man blicke auf den ungebildeten Wilden und den europäischen Durchschnittsmenschen. (...) Sie alle haben die Fähigkeit, zu sich 'Ich' zu sagen; der 'Ich-Leib' ist bei allen vorhanden. Der ungebildete Wilde folgt aber seinen Leidenschaften, Trieben und Begierden mit diesem 'Ich' fast wie ein Tier. Der höher Entwickelte sagt sich gegenüber gewissen Neigungen und Lüsten: diesen darfst du folgen, andere zügelt er und unterdrückt sie. Der Idealist hat zu den ursprünglichen Neigungen und Leidenschaften höhere hinzugebildet. Dies ist alles dadurch geschehen, daß das 'Ich' an den anderen Gliedern der menschlichen Wesenheit gearbeitet hat. Ja darinnen liegt gerade die Aufgabe des 'Ich', daß es die anderen Glieder von sich aus veredelt und läutert."(304)

Seine „Erkenntnisse" schöpfte Steiner vornehmlich aus der sogenannten „Akasha-Chronik", einer „geiststofflichen" (sprich: nur in seinen Wahnvorstellungen existierenden) „Schrift", in der Informationen über sämtliche bisherigen und noch kommenden Entwicklungsstufen der Menschheit enthalten seien Hellsehen). Der Zugang zu diesem „Weltengedächtnis", der nur Menschen mit spirituell außergewöhnlich hochentwickeltem Bewußtsein möglich sei, habe sich ihm in „okkulter Schau" eröffnet.

Auch nach der Geburt des „Ich-Leibes" setze sich die menschliche Entwicklung in „Lebensjahrsiebten" fort: „Wenn gesagt worden ist, (...) das 'Ich' arbeite an den menschlichen Wesensgliedern, dem physischen Leib, dem Ätherleib und dem astralischen Leib, und gestalte diese in umgekehrter Folge zu Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch, so bezieht sich dieses auf die Arbeit des Ich an der menschlichen Wesenheit durch die höchsten Fähigkeiten, mit deren Entwicklung erst im Laufe der Erdenzustände der Anfang gemacht worden ist. Dieser Umgestaltung geht aber eine andere auf einer niedrigeren Stufe voran, und durch diese entstehen die Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewußtseinsseele.(305)

Eine Störung in der ausgewogenen Balance der einzelnen Leiber beziehungsweise Seelen -besonders vor dem Eintritt in ein neues „Jahrsiebt" komme es regelmäßig zu einschneidenden Krisen - bedeute Krankheit. Werde beispielsweise die Entfaltung des Ätherleibes gehemmt, da dieser zu sehr „unter der Dominanz der Schwerkraft des physischen Leibes" stehe, träten Schwermut und Depression auf. Ein Ätherleib hingegen, der so dominiere, daß Astral-und Ich-Leib ihn nicht mehr bändigen könnten, zerstöre „wuchernd" den ganzen Organismus, es komme zum Ausbruch von Krebs. Die spezifischen Diagnosemethoden der Anthroposophie werden heute (angeblich) nicht mehr oder nur noch als zusätzliche Testverfahren eingesetzt. Beim sogenannten „Blutkristallisationstest" etwa mischt man Blut mit einer wässrigen Kupferchloridlösung und läßt dieses Gemisch auskristallisieren; aus der Anordnung der Kristalle wird auf den Kräftezustand einzelner Organe geschlossen. Beim „kapillar-dynamischen Bluttest" hingegen läßt man verdünntes Blut von Filterpapier aufsaugen; die Formen und Farbmuster, die dabei an den Randzonen entstehen, werden als Krankheitszeichen gedeutet.(306)

Anthroposophischer Heilkunde (entwickelt ab Anfang der 1920er von Steiner und der Ärztin Ita Wegmann) geht es vordergründig nicht um die Behandlung von Krankheitserscheinungen, sondern um die Wiederherstellung des Gleichgewichtes der Leiber und Seelen. Hierzu bietet sie eine Vielzahl eigener Medikamente und „spiritueller" Heilverfahren an. Die Medikamente bestehen aus pflanzlichen und tierischen Bestandteilen, die vielfach in homöopathischer Zubereitung eingesetzt werden. Auch Metallen, insbesondere in „vegetabilisierter" Form, kommt hoher Stellenwert zu: Das jeweilige Metall (meist als Metallsalz) wird hierzu in die Erde eingearbeitet; in dergestalt präpariertem Boden wachsende Heilpflanzen seien nach drei Jahren ganz „vom Metallprozeß durchdrungen" und könnten zur Heilung von Ich-Leib-Problemen eingesetzt werden. Die Zuordnung einzelner Präparate zu bestimmten Erkrankungen - Blätter der Walderdbeere etwa gegen Funktionsstörungen der Leber - ist rational ebensowenig nachzuvollziehen, wie deren rituelle Zubereitungsart: Bienen und rote Ameisen beispielsweise müßten lebend zermalmt oder püriert werden, um ihre „Lebenskraft" in das Medikament zu übertragen.(307)

Anthroposophische Heilmittel unterliegen, ähnlich wie die Mittel der Homöopathie, einer gesetzlichen Ausnahmeregelung: Ihre Wirkung muß nicht anhand der wissenschaftlichen Kriterien nachgewiesen werden, die Maßstab der Zulassung jedes anderen Medikaments sind. Eine klinisch-kontrollierte Arzneimittelprüfung außerhalb des anthroposophischen Binnenkontexts findet nicht statt.(308) Auch Nebenwirkungen, beispielsweise der verwendeten Blei- und Quecksilberpräparate, werden nicht kontrolliert überprüft.(309) Bezeichnend ist insofern das Krankheitsverständnis anthroposophischer Medizin: „Jede Krankheit hat ihre eigenen und oft vielschichtigen Entstehungsbedingungen. Ihre Wurzeln können im vergangenen Erdenleben liegen, (...) Karma wirkt aus der Vergangenheit. Gegen diese Schicksalsbestimmung kann der Arzt nicht heilen."(310)

Zu den bekanntesten Medikamenten der anthroposophischen Heilkunst zählen Mistelpräparate, die in erster Linie gegen Krebs eingesetzt werden. Der Glaube an die Wirkkraft der Mistel liegt in erster Linie im Analogiedenken der Anthroposophen begründet: Wie beim Krebs handle es sich auch bei der Mistel um einen Schmarotzer; wie der Krebs, der sich dem normalen Zellwachstum widersetze, widersetze sich auch die Mistel den Gesetzen der Natur: Sie blühe im Winter, berühre die Erde nicht und wachse nicht dem Sonnenlicht entgegen.(311) Laut Steiner hingegen (dessen Vorstellungen bis heute die anthroposophische Krebstherapie bestimmen (312), habe man „in den Kräften der Mistel das exakte Gegenbild zum Auseinanderweichen der Wesensglieder beim Entstehen der Krebskrankheit vorliegen, ein wirklich kausales Heilmittel", denn: „Die Mistel übernimmt als äußere Substanz dasjenige, was wuchernde Äthersubstanz beim Karzinom ist, verstärkt dadurch, daß sie die psychische Substanz zurückdrängt, die Wirkung des astralischen Leibes und bringt dadurch den Tumor des Karzinoms zum Aufbröckeln, zum In-Sich-Zerfallen." (313) Wie die Stiftung Warentest kritisiert, tauche in der speziellen anthroposophischen Diagnosestellung sehr oft der Begriff „Präkanzerose" (Vorstadium eines Krebses) auf: „Vorsorglich werden dann Mistelinjektionen empfohlen. Die Mitteilung 'Präkanzerose' kann Menschen in lebensgefährdende Ängste stürzen. Das ist umso verantwortungsloser, als diese 'Diagnostik' oft aus unbewiesenen Behauptungen besteht. Was jahrelange wiederholte Mistelinjektionen bewirken, ist nicht bekannt." (314)

Zur anthroposophischen Heilkunde zählen neben dem Einsatz von Medikamenten (zur Verminderung des „Einwirkens ätherischer Strukturen in den seelischen Bereich") auch äußere Behandlungen wie Bäder, rhythmische Massagen und Gymnastik (welche die „Lebensprozesse wieder an den physischen Leib zurückführen" sollen) (315); die Umstellung der Ernährung auf vegetarische Kost spielt eine bedeutende Rolle.

Hinzu kommt eine eigene Form der Gesprächstherapie (eine Art erweitertes Anamnesegespräch) sowie eine ganze Reihe „spiritueller" Übungswege: In der Maltherapie wird mit Wasserfarben die „Farbe der Krankheit" zu Papier gebracht, aus der der Patient sich zu lichten Heilfarben emporarbeiten soll. Depressive etwa werden angeleitet, aus dunklem Blau zu hellen Rot- und Gelbtönen zu finden. In ähnlicher Weise werden mit Holz oder Knetmasse Gestaltungsübungen durchgeführt. Die emotionalen Erfahrungen während des Übens werden therapeutisch nicht weiter bearbeitet. Die anthroposophische Musiktherapie besteht im wesentlichen darin, daß der Therapeut einzelne Töne auf einem Instrument (etwa einer Leier) vorträgt; der Patient tritt mit einem anderen Instrument hierzu in einen „musikalischen Dialog". Auch hier erfolgt in der Regel keinerlei klinisch-therapeutische Weiterbearbeitung. In der „Therapeutischen Sprachgestaltung" werden die Patienten zu rhythmischer Rezitation und Deklamation bestimmter Texte angeleitet. Dazu kommen besondere Schauspielübungen, über die zu „neuen Möglichkeiten des Selbstausdrucks" hingeführt wird. Als anthroposophisches Übungsverfahren schlechthin gilt die Heileurythmie: Jedem Vokal, Konsonanten und Ton wird eine spezifische Bewegung oder Geste zugeordnet, durch die ihrerseits bestimmte Empfindungen zum Ausdruck gebracht werden sollen. Gedichte oder Musikstücke lassen sich dergestalt (einzeln oder in Gruppen) choreographisch darstellen.

In der Biographiearbeit wird der Patient angeleitet, in distanzierter Rückschau auf sein bisheriges Leben den „roten Faden" seines Schicksals zu entdecken, der sich an immer wiederkehrenden Konflikten und Themen abzeichne. Schwerpunkt der Betrachtung liegt auf den Entwicklungsphasen der „Lebensjahrsiebte" und den „Krisen" an deren Übergängen. Modellhaft werden hierzu die Biographien berühmter Menschen (vor allem von Goethe) studiert. Ziel der Arbeit ist das Annehmen der „auferlegten Schicksalsnotwendigkeiten" (Krankheiten, Unfälle etc.). Da diese von Engeln koordiniert würden - „man kann sagen, daß der Engel (...) dafür sorgen will, daß das Schicksal auch im richtigen Augenblick wirksam wird" (316) -, sei Kontaktnahme zu diesen unabdingbar. Hans-Werner Schroeder, seit 1978 in der Leitung der „Freien Hochschule" der Anthroposophen tätig, führt zur Frage, wie man solchen Kontakt herstellen könne, folgendes aus: „Durch geistiges und religiöses Leben im allgemeinen - denn in den damit verbundenen Vorstellungen und Empfindungen kann auch der Engel mitleben. Aber dann vor allem durch Schicksalsvertrauen und durch Dankbarkeit für das, was man als Gutes, Schönes, Anregendes usw. täglich empfängt. Dank für das Schicksal - vielleicht sogar auch für das Schwierige, das uns reift und fördert - verbindet uns unmittelbar mit unserem Engel und gibt ihm die Möglichkeit, umso intensiver das zu bewirken, was uns in unserem Schicksal beglückend oder herausfordernd weiterbringt." (317)

Den anthroposophischen Übungswegen kann ähnlicher Wert zugesprochen werden wie Meditationen, als eigenständige Therapieverfahren können sie jedoch nicht gelten. Die behaupteten Erfolge bei depressiven, zwanghaften oder phobischen Störungen dürften (sofern sie denn zutreffen) in erster Linie auf die besondere persönliche Zuwendung zurückzuführen sein, die der Patient im Kontext anthroposophischer Einrichtungen in der Regel erfährt. Für psychisch labile Menschen kann allerdings eine Umgebung, in der ständig auf „Engel", „Geistwesen" oder „luziferische (wahlweise: ahrimanische) Mächte" abgestellt wird, auch sehr gefährlich werden: Derlei spiritistische Hirngespinste können Wahnvorstellungen (aus denen heraus ein Patient sich überhaupt zur Anthroposophie hingezogen fühlen mag) unterhalten und verschärfen, selbst psychotische Schübe können ausgelöst werden. (318) (Ahriman, eine finstere Figur aus der altpersisch-zarathustrischen Vorstellungswelt, und Luzifer sind für Anthroposophen ebenso reale, ständig ins menschliche Dasein eingreifende Wesen, wie all die Angeloi, Archangeloi, Exusai, Kyriotetes, Seraphime etc., von denen Steiner ununterbrochen daherphantasierte.(319)) Ein übriges tun die Vorstellungen von Karma und Wiedergeburt, die, neben dem permanenten Engel- und Geistergeschwätz, insbesondere die Biographiearbeit durchziehen. Steiner: „Der Menschengeist muß sich immer wieder und wieder verkörpern; und sein Gesetz besteht darin, daß er die Früchte des vorigen Lebens in die folgenden übernimmt." (320) Die vielkolportierte Behauptung, anthroposophische Heilkunde basiere nicht auf Weltanschauung sondern auf wissenschaftlicher Erkenntnis,(321) ist insofern grotesk.

Bei der Anthroposophischen Gesellschaft handelt es sich um die mit Abstand bedeutendste und bestetablierte Esoterikgruppierung - sieht man von den Großkirchen ab - des deutschsprachigen Raumes. Sie verfügt über weitverzweigte Wirtschaftsbetriebe ( Wala, Weleda, Demeter), über eigene Banken, Verlage, Film- und Fernsehproduktionsstätten, Krankenhäuser, Studienzentren und sogar eine eigene Hochschule (Witten/Herdecke); finanzkräftige Unterstützung erhält sie unter anderem von Konzernen wie Siemens, Bertelsmann oder der Hussel Holding. Ihre Mitgliederzahl liegt in der Bundesrepublik bei etwa 20.000 Menschen, rund fünfzigmal soviele stehen ihr nahe. Selbst die Berliner Tageszeitung (taz) wartet regelmäßig mit redaktionell aufgemachten Werbebeilagen zum Thema Anthroposophie auf.

Im November 1996 verabschiedete die bundesweit angelegte Initiative zur Anthroposophie-Kritik (IzAK) eine Resolution, die darauf hinwies, daß die Anthroposophie „mit einer demokratischen Verfassung, dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, der UN-Konvention über die Rechte des Kindes von 1989 und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10.12.1948 nicht vereinbar" sei. Insbesondere wird kritisiert, daß eine „autoritäre Sekte, die an Reinkarnation und Karma, an 'Äther-', 'Astral-' und andere Leiber glaubt", durch höchste Regierungsstellen anerkannt und aus Steuermitteln (mit rund einer halben Milliarde Mark pro Jahr allein an Betriebskostenzuschüssen) gefördert werde. Der Deutsche Bundestag, das Europaparlament, UNESCO und UNICEF wurden unter Vorlage einer Dokumentation über „Steiners Irrlehre" zu sofortigem Handeln aufgefordert. (322) Bis heute, wie die IzAK Mitte 2000 mitteilte, sei indes „keine einzige sachgerechte Antwort" eingegangen. Seit Ende 1998 gibt die IzAK ein in loser Folge erscheinendes Informations- und Thesenpapier STOP dem Anthroposophen-Kult heraus, in dem der Wirrsinn der Steinerschen Lehre anhand originaler Textbeispiele aufgedeckt wird (seit Ende 1999 auch im Internet einsehbar).(323) Für Eltern gibt es eine eigene Info-Broschüre: Waldorf - nein danke!!

Die Reaktion der Anthroposophen auf vorgetragene Kritik entspricht vielfach der, die man von sektoiden Organisationen wie Scientology gewohnt ist: konzertierte Protestbriefaktionen, Einstweilige Verfügungen, Klagen wegen Beleidigung, Verleumdung, Geschäftsschädigung etc.; darüberhinaus persönliche Beschimpfung, Diffamierung und Verfolgung der jeweiligen Kritiker, denen man, selbst wenn es sich um ehemalige Waldorfschüler oder -lehrer handelt, jedwede Kompetenz zur Beurteilung der anthroposophischen Lehre abspricht. Kritische Publikationen sucht man über permanenten juristischen Druck vom Markt zu drängen: Allein gegen den AlibriWerhg wurden innerhalb kürzester Zeit zwei Klagen angestrengt. (324) Bezeichnend ist insofern auch die Reaktion der Anthroposophen auf einen Beitrag des ARD-Nachrichtenmagazins Report vom 28.2.2000, in dem, unter Hinweis auf eine Untersuchung der Sektenkommission des französischen Parlaments der Vorwurf (zumindest latent) rassistischer und antisemitischer Inhalte anthroposophischer Weltanschauung problemati-siert wurde. (325) Die ARD wurde mit einer Flut an Protestbriefen und Gerichtsverfahren überzogen, (326) der bildungspolitische Waldorf-Sprecher Detlef Hardorp verlautbarte, der Sender habe sich „vor den Dreckskarren einiger hartgesottener Anti-Waldorf-Missionare spannen lassen". (327) Report ließ sich indes nicht einschüchtern: In einer Folgesendung vom 10.7.2000 fand der Vorwurf rassistischer Lehrvorgaben an Waldorfschulen ausdrückliche Bestätigung: Das Bundesfamilienministerium sah sich vor dem Hintergrund der ARD-Recherchen genötigt, sofortigen Verbotsantrag gegen ein anthroposophisches Lehrbuch (E. Uehli: Atlantis und das Rätsel der Eiszeitkunst. Stuttgart, 1980 [3. Auflage]) zu stellen.(328)

Besonders perfide ist im übrigen der Versuch der Anthroposophen, durch den ständig vorgetragenen Hinweis auf das Verbot ihrer Organisation im Dritten Reich heutige Kritiker in eine rechte Ecke zu stellen. In der Tat wurden die Anthroposophische Gesellschaftund die Waldorfschulen durch die Nazis aufgelöst, nicht allerdings irgendeiner Rolle im Widerstand wegen (wie man heute gerne glauben machen will), sondern trotz vielfältiger Anbiederung seitens des Vorstandes und trotz (bzw. gerade wegen) unübersehbarer ideologischer Gemeinsamkeiten.(329)Ernst Bloch hielt die Anthroposophie selbst für faschistoid, er kommentierte seinerzeit: „Offenbar verhindert nur der starke Anteil anderer Länder an der anthroposophischen Bewegung, daß diese geschlossen zu Hitler übergeht." (330)

 

Bibliographie


Colin Goldner: " Die Psychoszene", Alibri 2000, S. 98 ff.


Anmerkungen
 
296 Dyson, J./Hollmann, C.: Anthroposophische Medizin, in: Hill, A.: (Hrsg.): Illustriertes Handbuch alternativer Heilweisen. Freiburg, 1980, S. 29
297 vgl. Lange-Eichbaum, W./Kurth, W.: Genie, Irrsinn und Ruhm: Genie-Mythos und Pathographie des Genies. München, 1967. Vgl. auch: Treber, W.: Hitler, Steiner, Schreber. Emmendingen, 1966
298 Reimer, H.-D. zit. in: König, G.: Anthroposophie und Rudolf Steiner, in: Becker, H.-J./Kohle, H. (Hrsg.): Kulte, Sekten, Religionen: Von Astrologie bis Zeugen Jehovas. Augsburg, 1994, S. 196
299 vgl. König, P.-R.: Rudolf Steiner: niemals Mitglied irgendeines O.T.O., in: Flensburger Hefte, Nr. 63, IV/1998, S. 101 (Die von Reuß handschriftlich abgefaßte Ernennungsurkunde vom 17.6.1907 führt im eingedruckten Signet die Bezeichnung „Memphis and Mizraim Rite of Mansonry. Order of Oriental Templars and Esoteric Rosicrucians".)
300 vgl. Grandt, G./Grandt, M.: Schwarzbuch Satanismus: Innenansicht eines religiösen Wahnsystems. Augsburg, 1995, S. 189f. (Die Hinweise auf eine Verbindung zwischen Rudolf Steiner und dem sexualmagischen Ordo Tempil Orientis - kaum ein anderer Aspekt ihrer Betrachtung des Steinerschen Okkultsystems, so die Autoren Grandt und Grandt, sei mit mehr empörtem Geschrei seitens der Anthroposophischen Gesellschaft geahndet worden, als eben dieser - wurden in einer 1998 erschienenen Studie nocheinmal breit aufgeführt: Grandt, G./Grandt, M.: Waldorf Connection: RudoJf Steiner und die Anthroposophen. Aschaffenburg, 1998, S. 102f. Die Anthroposophen reagierten hierauf u.a. mit einer Sammlung die Grandts teils auf rein persönlicher Ebene diffamierender Tiraden und Aufsätze: Feldzug gegen Rudolf Steiner: Uber O.T.O., Rassismusvorwürfe und Angriffe auf die Waldorfschulen. Flensburger Hefte, Nr. 63, IV/1998)
301 vgl. Schmidt, J.: Satanismus. Marburg, 1992, S. 142
302 vgl. Greene, C.: Der Fall Charles Manson: Mörder aus der Retorte. Wiesbaden-Nordenstadt, 1992, S. 176f. (In Greenes Studie werden Crowley und Steiner als Abkömmlinge der Theosophie in einem Atemzug genannt, S. 186.)
303 vgl. Kern, G.: Der (esoterische) Rassismus aus der besseren Gesellschaft: Die Hierarchie der 'Völker' bei Rudolf Steiner, in: Ders./Traynor, L. (Hrsg.): Die esoterische Verführung: Angriffe auf Vernunft und Freiheit. Aschaffenburg, 1995, 128f. (Wenngleich zögerlich, findet seit Anfang der 1990er auch innerhalb der Anthroposophie eine Auseinandersetzung mit den in Steiners Schriften enthaltenen Rassismen statt: 1996 setzte die holländische Anthroposophische Gesellschaft eine interne Untersuchungskommission ein, die in Steiners Werk immerhin 62 einschlägige Textpassagen fand, die aus heutiger Sicht als diskriminierend bzw. [nach niederländischem Recht] strafbar gelten müssen. Desungeachtet erklärte man den Vorwurf eines der Anthroposophie inhärenten Rassismus als jeder Grundlage entbehrend. Immerhin schaffte man das in holländischen Waldorfschulen bis dahin bestehende Unterrichtsfach „Rassenkunde" ab. Die Auseinandersetzung in den deutschsprachigen Ländern war noch dürftiger: Arfst Wagner etwa, Redakteur der anthroposophischen Flensburger Hefte, der sich schwerpunktmäßig mit der Aufarbeitung des Themas „Anthroposophie und Nationalsozialismus" befaßt, suchte die rassistischen Passagen in Steiners „Wurzelrassenlehre", in der u.a. von „triebbestimmten Negern" und „geistigen Europäern" die Rede ist, zu bagatellisieren: „Ich glaube, Steiner hat in seinem Leben nie einen farbigen Menschen zu sehen bekommen. Das finde ich sehr wichtig. Insofern nehme ich ihn in seiner Äußerung einfach nicht ernst." [zit. in: Tageszeitung vom 11.3.1995] Ähnlich äußerten sich andere führende Anthroposophen: Stefan Leber etwa, Vorstandsmitglied des Bundes Freier Waldorfschulen, wiegelt ab, Steiners rassistische Auslassungen über „Neger" seien lediglich „derbe Witze" gewesen, und Steiner-Biograph Christoph Lindenberg hält die inkriminierten Passagen ohnehin für nicht bedeutsam in Relation zu der Unmenge an Texten Steiners, in denen sich eben keine rassistischen Auslassungen fänden, (vgl. Tangram, 6/1999, S. 50f. in: http://www.infosekta.ch/is_index/ anthroposophiel999_l.htm (9.12.1999)] Arfst Wagner gilt seit seinen Veröffentlichungen über die Rolle der Anthroposophie in der Nazizeit als „Nestbeschmutzer", er wurde aus den eigenen Reihen heraus wüst beschimpft und bedroht. Nur wenige Anthroposophen äußerten Zustimmung [vgl. Gewaltige Abgründe der Spiritualität, in: Tageszeitung vom 11.3.1995].)
304 Steiner, R.: Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft: Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedingungen des Erziehens. Dornach, 1987, S. 21f.
305 Steiner, R.: Die Geheimwissenschaft im Umriß. Frankfurt/Main, 1985, S. 428f.
306 vgl. Stiftung Warentest (Hrsg.): Die Andere Medizin. Berlin, 1991, S. 167f.
307 vgl. Federspiel, K./Lackinger-Karger, L: Kursbuch Seele. Köln, 1996, S. 489
308 vgl. Habermann, E. et al.: Kein Freibrief für Mistel, in: Skeptiker, 2/1995, S. 65f.
309 vgl. Bettschart, R. et al.: Bittere Naturmedizin. Köln, 1995, S. 736
310 Werner, H.: Die anthroposophische Methode der Medizin, in: Weleda-Korrespondenz für Ärzte, Nr. 117, 1987, zit. in: Burkhard, B.: Anthroposophische Medizin am Beispiel Mistel, in: Shermer, M./Traynor, L: Heilungsversprechen: Zwischen Versuch und Irrtum. Skeptisches Jahrbuch III. Aschaffenburg, 2000, S. 94
311 vgl. Bettschart, R. et al.: Bittere Naturmedizin. Köln, 1995, S. 735
312 vgl. Fintelmann, V.: Grundzüge einer anthroposophischen Krebstherapie, in: Matthiessen, P./Trautz, C. (Hrsg.): Onkologie im Spannungsfeld konventioneller und ganzheitlicher Betrachtung, in: Aktuelle Onkologie, Nr. 48, 1988
313 Steiner, R. nach Leroi, R. (Hrsg.): Misteltherapie. Stuttgart, 1987, zit. in: Burkhard, B.: Anthroposophische Medizin am Beispiel Mistel, in: Shermer, M./Traynor, L: Heilungsversprechen: Zwischen Versuch und Irrtum. Skeptisches Jahrbuch III. Aschaffenburg, 2000, S. 96f.
314 Stiftung Warentest (Hrsg.): Die Andere Medizin. Berlin, 1991, S. 169
315 zit. in: Federspiel, K./Lackinger-Karger, I.: Kursbuch Seele. Köln, 1996, S. 487
316 Schroeder, H.-W.: Wenn man an Grenzen stößt, in: Flensburger Hefte (Hrsg.): Biographiearbeit. Heft 31 (3. Auflage) Herbst 1992, S. 167
317 ebenda, S. 168
318 Federspiel, K./Lackinger-Karger, I.: Kursbuch Seele. Köln, 1996, S. 489
319 vgl. Bierl, P.: Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister: Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik. Hamburg, 1999, S. 67f.
320 zit. in: Hemleben, J.: (Hrsg.): Rudolf Steiner in Selbstzeugnissen. Reinbek, 1963, S. 89
321 vgl. Treichler, M.: Anthroposophische Medizin, in: Böning, R./Neuwald, B. (Hrsg.): Handbuch für Ganzheitliche Therapie und Lebenshilfe. Gschwend, 1999, S. 375f.
322 Resolution der IzAK. Paderborn, 30.11.1996
323 IzAK (Hrsg.): Stop dem Anthroposophen-Kult. Paderborn (Nr. 1 vom 1.12.1998) http://members.aol.com/ Wiechoczek/IzAK.htm
324 Im Frühsommer 1999 leitete der Bund der Freien Waldorfschulen juristische Schritte gegen das Buch Rasse Mensch von P.v.d.Let/C.Schüller ein, das sich (zum gleichnamigen am 14.4.1999 auf 3sat ausgestrahlten Film) mit den verschiedenen Anknüpfungspunkten des nationalsozialistischen Rassismus befaßt (u.a Anthropologie, Humanbiologie, Religion, Kunst) und mithin auch dessen Wurzeln in der Esoterik erhellt; in diesem Zusammenhang ist auch die Rede von Rudolf Steiner und seiner Lehre. Schon zuvor waren die Alibri-Titel Erlöser (G. Grandt/M. Grandt) und Waldorf Connection (G. Grandt/M. Grandt) mit Klagen überzogen worden (vgl. Pressemitteilung des Alibri-Verlages vom 2.6.1999). Das 1997 im österreichischen Ueberreuther-Verlag erschienene Schwarzbuch Antroposophie (G. Grandt/M. Grandt), das laut Untertitel „Rudolf Steiners okkult-rassistische Weltanschauung" aufzeigt, wurde erfolgreich vom Markt geklagt.
325 Sieber, B./Fiedler, E.: Waldorfschulen: Enttäuschte Eltern berichten. Report/ARD vom 28.2.2000
326 vgl. http://www.akdh.ch/report/ps/ps_report.html (Aktion Kinder des Holocaust, 5.8.2000). (Sämtliche Anträge auf Einstweilige Verfügung bzw. Unterlassung wurden vor Gericht abgewiesen; ebenso sämtliche Gegendarstellungsverlangen. Lediglich in einem Punkt erhielten die Anthroposophen Recht: es darf vorläufig nicht mehr behauptet werden, jüdische Kinder würden vermehrt von Waldorfschulen abgemeldet [Stand 5.8.2000].)
327 zit. in: Reformierter Pressedienst/Schweiz vom 6.3.2000 (http//:www.refpresse.ch/agentur/meldungen/ 3344.htm. [10.3.2000])
328 vgl. http://www.akdh.ch/report/ps/ps_report.html (5.8.2000)
329 vgl. Rudolph, G: Waldorf-Erziehung: Wege zur Versteinerung. Darmstadt, 1987, S. 49f. / Heinze, G.: Rudolf Steiners Entwicklungslehre und okkultistische Initiationsriten. Wuppertal, 1996
330 Bloch, E.: Erbschaft in dieser Zeit. Frankfurt, 1956, zit. in: Divis, T.: Geisterzweige und Hexenbinsen, in: ÖkolinX, Nr. 13, 1994, S. 29 (Bereits Anfang der 1980er fand auf der Grundlage ausgewerteten Archivmaterials der Vorwurf einer Affinität zwischen Nazismus und Anthroposophie bzw. Waldorfpädagogik eindeutige Bestätigung. Innerhalb der Führungsgremien der Bewegung gab es große Teile, die in den NS drängten; jene Teile, die sich distanzierten oder vor dem Faschismus warnten, blieben in der Minderheit. Vgl. Alisch, R.: Auf dem Weg zur Neuen Rechten? in: Tageszeitung vom 11.3.1995.)