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Familienstellen nach Hellinger

Colin Goldner / 03.09.2009



Zu den absoluten Rennern der alternativen Psychoszene zählt seit Geraumem die „Familienaufstellung" Bert Hellingers, ein von Fachtherapeuten heftig kritisiertes, äußerst autoritäres Gruppenverfahren. Ehedem Priester einer katholischen Ordensgemeinschaft in Südafrika bereist Hellinger (*1925) seit Beginn der 1990er die Lande, um in Großveranstaltungen von nicht selten mehreren hundert TeilnehmerInnen seine selbstentwickelte Variante (vorgeblich) systemischer Therapie vorzustellen.

Theoretische Grundlage seiner Arbeit ist die ebenso simple wie reaktionäre Vorstellung, es gebe im Innenverhältnis jeder Familie eine „Ursprungsordnung", in die jedes Mitglied sich widerspruchslos einzufügen habe: Die Frau sei dem Manne untergeordnet, das zweitgeborene Kind dem erstgeborenen. Jede Störung dieser Ordnung führe zu Krankheit. Desgleichen eine Störung der kindlichen „Hinbewegung" zu den Eltern: Kinder wollen, laut Hellinger, ihre Eltern bedingungslos lieben, gleichgültig, was auch passiert ist. Ziel der Therapie sei es, die natürliche „Ordnung der Liebe" wiederherzustellen durch gebührende Ehrerweisung dem jeweils Ranghöheren gegenüber. Sei dies geschehen, lösten sich jedwede Konflikte und Krankheiten auf.

Hellinger arbeitet mit Einzelpersonen im Rahmen einer aus dem Auditorium adhoc zusammengestellten Gruppe. Der jeweils „arbeitende" Klient wird aufgefordert, unter Zuhilfenahme anderer Gruppenteilnehmer, die stellvertretend die Position von Familienmitgliedern einnehmen, seine „Herkunftsfamilie" aufzustellen. In einer Art räumlicher Metapher soll sichtbar werden, wer innerhalb der Familie wem wie nahe stand. Anders als in der etablierten Familientherapie, die seit jeher derlei Techniken einsetzt, erhält der Klient bei Hellinger keine Möglichkeit, seine Gedanken und Gefühle weiter zu erschließen; vielmehr agiert ausschließlich Hellinger (bzw. der Hellinger-Therapeut): Er verändert die Position der einzelnen „Familienmitglieder" beliebig zu einer von ihm so bestimmten „Lösungskonstellation" und konfrontiert den Klienten mit apodiktisch vorgetragenen Interpretationen und Anweisungen. Diesem bleibt lediglich die Wahl, diese anzunehmen oder nicht. Eine weitere Erörterung oder therapeutische Bearbeitung findet nicht statt. Im Gegenteil: Etwaiges Nach- oder Hinterfragen wird von Hellinger kategorisch unterdrückt.(1141) Ein Inzest-Opfer wird etwa angewiesen, sich als „kleines Mädchen" vor seine „Mutter" zu knien und zu sagen: „Mama, für Dich tue ich es gerne!". Ende der Vorstellung.(1142)

Hellingers Vorgehensweise, gelegentlich als „systemische Familienaufstellung" bezeichnet, wird in esoterischen Publikationen aufs Höchste gepriesen, der „Ganzheitsmediziner" -> Ingfried Hobert zählt sie, zusammen mit Bach-Blütentherapie, Kinesiologie und Schamanischen Ritualen, gar zu den „Heilweisen für das neue Jahrtausend". Von Hellingers Arbeit scheint Hobert allerdings wenig Ahnung zu haben, ansonsten verwechselte er nicht ständig die Begriffe Systemik (das Familiensystem betreffend) und Systematik.(1143) Letztere läßt sich in Hellingers Arbeit bei bestem Willen nicht entdecken. Die häufig anzutreffende Behauptung, Hellingers Ansatz gründe in der (seriösen) Familientherapie Virginia Satirs,(1144) ist durch nichts belegbar.

Suitbert „Bert" Hellinger bildet in seinem Verfahren keine Therapeuten aus, Praktiker, die „Familienaufstellung nach Hellinger" anbieten, sind - unabhängig von der Fragwürdigkeit derartiger Inszenierungen - durch nichts und niemanden (zumindest nicht durch Hellinger selbst) dazu autorisiert.

Ein bezeichnendes Licht auf die Risiken unkonventioneller Therapieverfahren - und die Persönlichkeitsstruktur vieler Praktiker in diesem Bereiche - wirft ein Fall, der sich im Oktober 1997 in Zusammenhang mit Bert Hellingers „Familienaufstellung" ereignete:

Hellinger führt seine Shows mithin vor Auditorien von 500 und mehr Teilnehmern vor; die Klientel für seine Inszenierungen auf offener Bühne rekrutiert er unmittelbar aus eben diesem Teilnehmerkreis. Vom Hintergrund seiner jeweiligen Klienten und Klientinnen hat er nicht die geringste Ahnung, ordentliche Anamnese oder Diagnostik ersetzt er durch „höhere Eingebung". Auch im Falle einer jungen Frau und vierfachen Mutter, die er anläßlich eines Großseminars in Leipzig auf die Bühne holte, wußte er nichts von ihrer Familiengeschichte, außer daß sie sich von ihrem Mann getrennt hatte und dieser mit der Trennung nur schlecht zurande kam. Hellinger attackierte die Frau auf massivste Weise: Auf ihren Mann zeigend verkündete er: „Dort sitzt die Liebe", auf sie zeigend: „Und hier sitzt das kalte Herz"; danach ins Publikum gewandt: „Die Kinder sind bei der Frau nicht sicher, die gehören zum Mann."(1145)

Gleichwohl diese ungeheuerlichen Invektiven gänzlich aus der Luft gegriffen waren, trafen sie doch durch die selbstherrliche Apodiktik, in der Ex-Ordenspriester Hellinger auftritt, wie Giftpfeile in die Seele der jungen Frau. Wortlos verließ sie die Veranstaltung, kritzelte ein paar Worte des Abschieds auf einen Notizblock - und nahm sich das Leben.

Selbst wenn die junge Frau, eine Ärztin, bereits vorher suizidal gefährdet gewesen sein sollte, was Hellinger behauptet, entlastete ihn dies nicht. Ganz im Gegenteil: Es zeigt, wie völlig unverantwortbar es ist, in einer 10-minütigen „Therapie-Show" jedwede Ich-Grenze des einzelnen Rat- und Hilfesuchenden einzureißen und ihn von oben herab mit irgendwelchen „höheren Wahrheiten" (ganz unabhängig von deren eventuellem Wahrheitsgehalt) zu konfrontieren. Hellingers Vorgehen, so die Einschätzung vieler Fachleute, grenzt an psychische Vergewaltigung, auch wenn die Teilnehmer sich „freiwillig" der Prozedur aussetzen, gar noch extra dafür bezahlen. Er hat keine Ahnung (und wohl auch kein Interesse daran zu erfahren), wie diese seine „Eingebungen" verarbeiten. Ausdrücklich betont er, er brauche keine Rückmeldung seitens seiner Klienten. Hellinger kümmerte sich nicht um die junge Frau, als diese wortlos den Saal verließ. Kurz zuvor hatte er dem Publikum noch über sie gesagt: „Die Frau geht, die kann keiner mehr aufhalten (...). Das kann auch sterben bedeuten."(1146) Wenige Stunden darauf war sie tot. Auf die spätere Frage, ob er denn nicht hätte erkennen können, daß die Frau sich in einer tiefen Krise befunden habe, meinte er: „Wie denn, ich kannte sie ja nur drei Minuten." Im übrigen beinhalte jede Therapie auch gewisse Risiken. In einem der zahlreichen Bücher über den Hellingerschen Ansatz wird denn auch auf solche Risiken beim Aufstellen ausdrücklich hingewiesen: „Wenn einer der Mitwirkenden aus der Tür will oder aus der Tür geht, heißt das: Er ist selbstmordgefährdet."(1147)

Bevor die Frau sich das Leben nahm, verabschiedete sie sich schriftlich von ihren Lieben. Ganz in Hellingerschem Sprachduktus schreibt sie: „Vielleicht gibt es Menschen, die soviel Schuld auf sich laden, daß sie kein Recht mehr haben, hier zu bleiben. Und wenn es für die Kinder die Ordnung herstellt, will ich meinen Teil dazu tun, auch wenn es nicht das ist, was ich mir wünsche." Von suizidaler Gefährdung vor dem Hellinger-Seminar kann indes keine Rede sein: Die junge Ärztin hatte für wenige Tage danach einen Umzug geplant und vorbereitet und hatte sich sogar schon für mehrere medizinische Weiterbildungskurse 1998 angemeldet. Hellinger bedauert den Fall, sucht zugleich aber der Klientin selbst die Schuld zuzuschieben: „Ja, ich bin hart mit ihr umgegangen. Das ging schon an die Grenze. Aber ein gewisses Risiko muß man in Kauf nehmen. Ich gehe oft bis an die Grenze, und an der Grenze gibt es dann oft den Umschwung. In diesem Fall bin ich wohl zu weit gegangen. (...) Ich bedauere, was geschehen ist. Aber die Reaktion der Frau war unverhältnismäßig (...). Sie hätte mich um etwas bitten können, dann hätte ich handeln können - das hat sie aber nicht gemacht."(1148)

Andreas Fincke von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin fragt nach dem tragischen Todesfall sehr zurecht: „Verstoßen solche Großveranstaltungen nicht überhaupt gegen die Würde des Hilfesuchenden? Wer verhindert, daß Hellinger vor 500 begeisterten Zuschauern seiner eigenen Wirkung erliegt und Allmachtsphantasien entwickelt? Ist die Geschichte aus Leipzig ein bedauerlicher Einzelfall, oder passiert dergleichen häufiger? Wie lassen sich solche Entgleisungen in Zukunft verhindern?"(1149) Mithin zur Klärung dieser Fragen leiteten die Angehörigen des Suizid-Opfers rechtliche Schritte gegen Hellinger ein. Auch die Befugnis Hellingers zur Ausübung der Heilkunde (nach dem HeilPrG) erscheint zweifelhaft: Eine Priesterweihe kann diese nicht ersetzen, auch nicht sein vor Jahren absolvierter Kurs in Primärtherapie bei Arthur Janov.

Anfang 1998 berichtete Autor Goldner in dem schweizerischen Psychologiemagazin Intra über Hellingers Ansatz und den Todesfall in Leipzig.(1150) Die Reaktion der Leserlnnenschaft auf diesen Beitrag war symptomatisch. Nur selten zuvor gab es eine derartige Flut an Anfragen und Zuschriften, teils anerkennend, daß endlich einmal Klartext gesprochen wurde gegen die Umtriebe der „Familienaufstellerszene", die sich sehr zu Unrecht mit seriösem systemischem oder familientherapeutischem Herangehen ineinssetze, aber auch kritisierend, daß erst ein Mensch zu Tode kommen mußte, bevor eine breitere Öffentlichkeit von deren Risiken erfuhr. Die Mehrzahl an Zuschriften und Anrufen beschränkte sich indes darauf, Autor Goldner zu beschimpfen: Man zieh ihn der „totalen Ignoranz", „ideologisch verblendeter Verbohrtheit", gar eines „inquisitorischen Fanatismus, schlimmer noch als in der Kirche". Häufig wurden auch Ferndiagnosen erstellt, die Goldners unbewußte oder verdeckte Motivation enthüllten: vor allem „grenzenloser Haß auf alles Spirituelle", aber auch „Konkurrenzneid" oder „krankhaftes Hirnficken" (was immer das sein mag). Dazu kamen (meist anonyme) Schimpftiraden, die zu wiederholen der Anstand verbietet. Ein Anrufer mutmaßte, Goldner sei „Agent der Mossad" (israelischer Geheimdienst) oder gar Scientologe. Inhaltlich wurde kein einziges Argument gegen den Artikel vorgebracht, lediglich die Weise wurde bemäkelt, in der Hellinger angegangen worden sei: Der Text sei zu polemisch gewesen, zu wenig ausgewogen; Hellinger habe es „nicht verdient, so behandelt zu werden", wo er doch „soviel Gutes" bewirkt habe. Auf den Todesfall in Leipzig ging kaum jemand ein und wenn, dann in abwiegelnder Manier: sowas könne immer mal passieren. Im übrigen gebe es „keinerlei kausalen Zusammenhang" zwischen Hellingers Invektiven und dem Suizid der Klientin. Goldner wurde vorgehalten, seine Aussagen seien „schlichtweg falsch oder irreführend". Was genau falsch dargestellt worden sein sollte, wurde nicht gesagt. Desweiteren wurde ihm vorgehalten, Hellinger habe soviel an Leben gerettet und soviel an Lebensqualität geschaffen, da sei es ein Unding, ihm aus einem „Lapsus" (!), wie er schließlich jedem widerfahren könne, einen Strick zu drehen. Den schieren Zynismus solchen Rechtfertigungsversuches - es geht um den Tod einer jungen Frau! - merkte man offenbar nicht. „Bert Hellingers Person und Arbeit", wie der Herausgeber von Intra, Sandro Looser, im Editorial der Folgeausgabe seines Magazins schrieb, „scheint ganz offensichtlich das psychotherapeutisch interessierte Publikum zu spalten. Von einigen SchreiberInnen haben wir auch Hinweise erhalten, warum das so sein könnte. In einem Brief heißt es sinngemäß, Hellinger spreche in den Menschen den insgeheimen Wunsch an, die Verantwortung für die eigene Identität an eine vorgegebene Ordnung abzugeben. Diese Entlastung führe bei vielen Menschen offenbar zu einer Besserung ihres Befindens. (...) Kein Wunder, daß hier Welten aufeinanderprallen: Wer das Bild des emanzipierten Menschen (ob Klient oder TherapeutIn) hochhält, dem muß der Gedanke an jegliche Unterwerfung an eine vorgegebene Ordnung -von der andere zu wissen vorgeben, wie sie aussieht - zuwiderlaufen."(1151) Auch Sandro Looser wurde wüst beschimpft.

Der tragische Todesfall von Leipzig unterstreicht nicht nur die Notwendigkeit einer rückhaltlosen Aufklärung über die Machenschaften der Szene, sondern auch deren radikale Eindämmung durch geeignete gesetzliche Maßnahmen. Es steht zu hoffen, daß das geplante Lebenshilfegesetz in baldiger Zukunft die parlamentarischen Hürden übersprungen haben wird (-> Was tun?).


Im deutschsprachigen Raum bieten mehrere hundert „Therapeuten" ihre jeweils selbstgestrickten „Familienaufstellungen nach Hellinger" an. Da Hellinger, um es zu wiederholen, selbst keine Ausbildungen durchführt, sind diese Praktiker durch nichts und niemanden autorisiert. (Die häufig anzutreffende Werbebehauptung, man sei „langjähriger Schüler Hellingers", heißt in der Regel nichts anderes, als daß man ein paar Workshops bei ihm besucht und gegebenenfalls das ein oder andere seiner Bücher gelesen hat.) Zu großen Teilen handelt es sich bei den Hellinger-Exegeten um Figuren aus dem Osho-Rajneesh-Umfeld, die sozusagen „von Hause aus" eine tiefverwurzelte Affinität zu autoritären Gruppenverfahren mitbringen; von ernstzunehmender Qualifikation oder dem Vorliegen einer Befugnis zur Ausübung der Heilkunde kann vielfach keine Rede sein. Am schwäbischen Johanniterhof beispielsweise, der Nachfolgeeinrichtung des Esoterikzentrums Etora auf Lanzarote, wird „Familienaufstellung nach Bert Hellinger" gleich in zweifacher Ausfertigung angeboten: zum einen von der NLP-Trainerin Christiane „Adavanta" Jacobsen und zum anderen von dem Rebirthing- und Money & Love-Therapeuten Günter „Sarito" Griebl samt Ehefrau Silvana „Samadhi". Auch in den verschiedenen Osho-Rajneesh-Zentren zählt „Familienstellen" inzwischen zur Grundausstattung, u.a. bietet hier eine gewisse Victoria „Sneh" Schnabel ihre Dienste an. Die schwäbische Reinkarnationstherapeutin und Geistheilerin Iris „Shanti" Sautter, gleichfalls Anhängerin des Osho-Kults, veranstaltet „Familienaufstellung" in einwöchigen Ferienseminaren auf Korfu. Kosten: 1.240 Mark netto. Gipfel der Chuzpe ist allerdings ein „Heilerkurs", den die Bayerische Gesellschaft für Ganzheitliche Medizin anbietet. Hier können sich psychologische und therapeutische Laien in einem einzigen Wochenende (!) in „Systemischer Generationsperspektive nach Bert Hellinger" schulen lassen. Der „ganzheitlich-philosophische Ausbildungsgang" kann wahlweise mit weiteren Wochenendkursen, unter anderem in Gesicht- und Handlesen, Traumarbeit oder Hypnose, aufgestockt werden. Leiter der Hellinger-„Ausbildung" ist Peter Kriester, vormals Gemüsegärtner und „Körpertherapeut" am Esoterikzentrum Coloman. Besagte Gesellschaft für Ganzheitliche Medizin ist nichts anderes als eine private Esoterik- und Heilpraktikerschule im Allgäu, die als Geldbeschaffungseinrichtung der äußerst umstrittenen „Wankmiller-Sekte" gilt(1152)

Vor dem Hintergrund der Kritik, die nach dem Todesfall von Leipzig an Hellingers Verfahren in Fach- und Boulevardmedien geübt worden war, gründete sich in München eine Arbeitsgemeinschaft Systemische Lösungen nach Bert Hellinger, deren selbstgestellte Aufgabe (laut Werbeartikel in Esotera) darin bestehe, „Hellingers Methode seriös nach außen zu vertreten und ihre Verbreitung und Fortentwicklung auf eine achtsame Weise zu fördern"; desweiteren in der „Entwicklung von Kategorien für die Aus- und Weiterbildung"(1153) (die, wie man damit zugibt, bis dahin nicht existierten!). Nicht weniger als neunzig Therapeutinnen und Therapeuten, die im deutschsprachigen Raum Hellinger-inspirierte Dienste anbieten, vorneweg Jirina Prekop ( -> Festhaltetherapie), finden sich auf einer von der Arbeitsgemeinschaft versandten Liste. In der von einer erstaunlich großen Anzahl akademisch vorgebildeter Praktiker durchsetzten Hellinger-Riege tauchen mithin Professor Matthias Varga von Kibed (LMU München) oder Professor Franz Ruppert (Katholische Stiftungsfachhochschule München) auf; daneben auch der oben erwähnte Peter Kriester oder die Rajneesh-Therapeuten Schnabel und Griebl/Griebl. Bemerkenswert ist auch der Umstand, daß die Züricher Psychologieprofessorin Gertraud Schottenloher „Familienstellen nach Bert Hellinger" unter dem Signet der Rajinder-Singh-{Sekten-)Organisation -> Wissenschaft der Spiritualität anbietet. Der in München und bei ZIST praktizierende Gestalttherapeut (und ehemalige LMU-Gastprofessor) Hunter Beaumont, ursprünglich Ausbilder am renommierten Gestalttherapie-Institut in Los Angeles, half Hellinger, den US-Markt zu erschließen: Im Frühjahr 1998 organisierte er für diesen eine - angeblich höchst erfolgreiche - Promotion-Tour quer durch die Staaten. Auch auf dem „2. Weltkongreß für Psychotherapie" im Sommer 1999 in Wien war Hellinger vertreten, gänzlich ungeniert durfte er sich gleich in drei (Werbe-)Veranstaltungen verbreiten. Vereinzelte kritische Nachfragen (mithin von Sophie Freud) wurden entweder ignoriert oder in autoritärer Manier abgebügelt.(1154)

Tatsächlich wird „Familienstellen nach Hellinger" - neuerdings auch als „Clanning" (= Bezugnahme auf den Familien-Clan) bezeichnet - im deutschsprachigen Raum in wachsendem Umfange angeboten: Hunderte Annoncen einschlägiger Praktiker finden sich in den Esoterik- und Szeneblättern. Exemplarisch erwähnt sei insofern die Hamburger „Psychotherapeutin" Doris Schneider, die seit einiger Zeit in großangelegten Tourneen durch die Lande zieht und in Wochenendseminaren „Systemische Familienaufstellung nach Bert Hellinger" anbietet (zweieinhalb Tage/350 Mark). Zur Frage etwaiger klinischer Qualifikation oder rechtlicher Befugnis zur Ausübung von Heilkunde ist in den Werbebroschüren Frau Schneiders nichts vermerkt.

Seit Anfang 2000 bietet das bayerische Esoterikzentrum -> ZIST eine knapp zweijährige Fortbildung für Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter - und Heilpraktiker [!] - in „Familienstellen nach Bert Hellinger" an. Geleitet wird das (tatsächlich nur fünf Fünfeinhalbtage-Work-shops umfassende) Training von Hellinger-Freund Beaumont (der laut Ausschreibung für die „spirituellen Aspekte des Familienstellens" zuständig ist), darüberhinaus u.a. von dem Theologen Jakob Schneider und dem Psychoanalytiker Albrecht Mahr; auch die langjährige ZIST-Mitarbeiterin Eva Madelung, ihres Zeichens Heilpraktikerin und Primärtherapeutin, ist mit von der Partie. Kosten der Fortbildung: 7.240 Mark.(1155)

 

 

Bibliographie


Colin Goldner: " Die Psychoszene", Alibri 2000, S. 271 ff.


Anmerkungen

1141 vgl. Simon, F./Retzer, A: Das Hellinger-Phänomen, in: Psychologie Heute, 6/1995, S. 28f.
1142 vgl. Weber, G. (Hrsg.): Zweierlei Glück: Die systemische Psychotherapie Bert Hellingers. Heidelberg, 1997 (10. Auflage), S. 332
1143 vgl. Hoben, I.: Das Heilbuch für das neue Jahrtausend. München, 1997, S. Ulf.
1144 vgl. z.B. Hampel, G.: Familienaufstellung, in: Forum Lebensfreude (Programm). München, 3/1999, S. 5
1145 zit. in: Fincke, A.: Wie gefährlich ist Bert Hellingers Therapie? in: Psychologie Heute, 4/1998, S. 16f.
1146 ebenda
1147 zit. in: Weber, G. (Hrsg.): Zweierlei Glück: Die systemische Psychotherapie Bert Hellingers. Heidelberg, 1995 (6. Auflage), S. 258
1148 zit. in: Gerbert, F.: Wenn Therapeuten Gott spielen (Interview mit Bert Hellinger), in: Focus, 13/1998, S. 226
1149 Fincke, A: Wie gefährlich ist Bert Hellingers Therapie? in: Psychologie Heute, 4/1998, S. 16f.
1150 vgl. Goldner, C.: Bert Hellinger: Systemfehler? in: Intra 35,1/1998, S. 15f.
1151 Looser, S.: Emanzipierte Opfer der Familie, in: Intra 36, 2/1998, S. 3
1152 vgl. Kursprogramme Johanniterhof 1998 / Osho-Tao 1997/98 / Tujala-Institut 1998 / Bayerische Gesellschaft für Ganzheitliche Medizin 1996/97
1153 vgl. Hellinger-Arbeitskreis gegründet, in: Esotera, 6/1998, S. 11
1154 vgl. Goldner, C.: Mega-Event mit 1000 Workshops, in: Intra, 3/99, S.10
1155 ZIST (Programm). Penzberg, 7-12/1999, S. 52