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Festhaltetherapie

Colin Goldner / 03.09.2009



Bezeichnend für die Affinität der Psychoszene zu autoritären Konzepten ist die weitläufige Begeisterung für die sogenannte „Festhaltetherapie", entwickelt und propagiert von der tschechischen Psychologin Jirina Prekop (* 1930). Das eigentlich zur „Behandlung schwieriger Kinder" gedachte Verfahren wird vielfach auch in der (primär)therapeutischen Arbeit mit Erwachsenen eingesetzt. Passenderweise wird Festhaltetherapie hier vielfach verknüpft mit -> Rebirthing und/oder der hochmanipulativen -> Familienaufstellung nach Bert Hellinger.(1131)

Festhaltetherapie, so Prekop, sei die schlichtweg ideale Methode, widerspenstige Kinder, die der Liebe ihrer Eltern mit Aufmüpfigkeit oder Trotz begegneten oder diese gar rund um die Uhr durch ständiges Herumtoben tyrannisierten, ordentlich auf Vordermann zu bringen. Das „psychisch gestörte" Kind müsse einfach solange in engster Umarmung festgehalten werden, auch und gerade gegen erbittertsten Widerstand, bis es diesen aufgebe und sich nicht mehr zur Wehr setze. Falls die Kräfte des Erwachsenen oder Therapeuten nicht ausreichten, könne ein eigener Festhaltegurt - eine Art Zwangsjacke für zwei - verwendet werden. („Wie heißt sich Handschuh auf Deitsch, wo sich nicht hat fünf Finger, sondern nur ein Finger? -Richtig, Fäustling!", mit diesem Standardsatz suggeriert Prekop die Natürlichkeit der Zwangsjacke.(1132) Das Festhalten müsse möglichst oft, mindestens aber einmal täglich durchgeführt werden, die Dauer der Prozedur liege bei jeweils etwa vier Stunden; im Einzelfalle sei allerdings auch längeres Halten, sechs Stunden und darüber, erforderlich, allemal solange, bis das Kind „seine Wut ausgeschrien und seinen Kummer ausgeweint" habe.(1133)

Prekop beschreibt ihr Verfahren als Allheilmittel gegen jedwede psychische Störung, höchst erfolgreich auch einzusetzen in der Behandlung von geistig Behinderten und Autisten. An theoretischer Begründung hat sie, außer ständigem Verweis auf den Instinktivisten und Konrad-Lorenz-Intimus Nikolaas Tinbergen, nicht viel zu bieten: Das verhaltensauffällige (= psychisch gestörte) Kind, so ihre Behauptung, befinde sich in einem Motivkonflikt zwischen der Angst vor und dem Wunsch nach Kontakt. Durch das Festhalten löse sich dieser Widerspruch auf und das Kind entwickle sich offen für soziale Beziehungen. Keineswegs sei das Festhalten die brutale Vergewaltigung, als die sie vielleicht erscheine (und als die böswillige Kritiker sie hinstellten), vielmehr vermittle sie dem Kind ein Gefühl von Orientierung und absoluter Sicherheit. Nur von außen besehen setze es sich zur Wehr, in Wahrheit aber, wie sich letztlich in seiner „Entspannung" zeige, wolle und brauche es genau diese Form von Geborgenheit .(1134) (Im übrigen eigne sich das Festhalten ganz vorzüglich auch als „Therapie" unbotmäßiger Ehefrauen.)

Als Vorläuferverfahren der Festhaltetherapie gilt die sogenannte Z-Prozeß-Beziehungstherapie (auch bekannt als Rage Reduction-Therapy [= Wutablaßtherapie]), die, entwickelt in den frühen 1960er Jahren von dem US-Psychologen Robert Zaslow, vor allem an der Westküste der USA weite Verbreitung fand. Zum (angeblichen) Abbau von Widerstand gegen den therapeutischen Fortschritt wird der Klient von Helfern bewegungslos am Boden festgehalten und zugleich zu Blickkontakt mit dem Therapeuten gezwungen. Die hierdurch erzeugte „totale Wut" des Klienten führe zu einer Klimax, nach deren Überschreitung dieser sich offen für die therapeutische Beziehung zeige. Zaslow, der in seinen theoretischen Auslassungen ausdrücklich auf mittelalterliche Teufelsaustreibungen abstellte, setzte sein Verfahren auch bei „behandlungsrenitenten" Kindern ein (beispielsweise zur Sauberkeitserziehung), sein Schüler Donald Saposnek ab Anfang der 1970 auch bei Autisten.(1135) Im deutschsprachigen Raum spielte der Z-Prozeß zu keinem Zeitpunkt eine nennenswerte Rolle, in den USA gilt das Verfahren mittlerweile als ausgestorben.

Auch die Festhaltetherapie selbst wurde ursprünglich in den USA erprobt - Hauptvertreterin war die New Yorker Psychologin Martha Welch -, konnte sich aber weder dort noch sonst irgendwo richtig durchsetzen. In einer Vielzahl an Arbeiten war der himmelschreiende Wahnwitz angeprangert worden, Kinder solange in unnachgiebigem Klammergriff festzuhalten, bis sie in Lethargie verfallen. Nur in der Bundesrepublik fand das Verfahren weite Verbreitung. Wenngleich das „erzwungene Halten" (forced holding) auch bei hiesigen Erziehungswissenschaftlern und Psychotherapeuten als „Wiederkehr der schwarzen Pädagogik" auf teils heftigste Kritik stieß, avancierte Prekops Buch Der kleine Tyrann (1988) zum unangefochtenen Familien-Bestseller. Wieviel da seither in bundesdeutschen Wohnzimmern herumexperimentiert und an kaum wiedergutzumachendem Schaden angerichtet wurde, läßt sich nicht einmal erahnen. Untersuchungen hierzu gibt es keine.(1136) Am Stuttgarter Institut für Kindertherapie und Familienberatung (Mothering Center) werden eigene „Workshops" für Eltern, Erzieher und Lehrer in „Festhalten", „Konsequenter Erziehung" sowie -> „Edu-Kinestetik" veranstaltet. Selbst in öffentlichen Gesundheitszentren, wie etwa der Vestischen Kinderklinik in Datteln, werden entsprechende Kurse durchgeführt, auch an der Deutschen Akademie für Entwicklungs-Rehabilitation in München, am Casriel-Institut in Hadamar sowie an verschiedenen Volkshochschulen.(1137) Über eine (steuerbegünstigte) Gesellschaft zur Förderung des Festhaltens e. V. sowie eine eigene Zeitschrift Holding Times werden Prekops Ideen weiter verbreitet.

Auch auf der „Internationalen Fachkonferenz für Humanistische Medizin", die, veranstaltet vom oberbayerischen Esoterikzentrum -> „ZIST" (Zentrum für Individual- und Sozialtherapie), seit Anfang der 1990er alljährlich in Garmisch-Partenkirchen stattfindet, durfte Prekop wiederholt für ihre Festhaltetherapie werben. Wortreich stellte sie jeweils ihr Vorgehen als „zutiefst christlich-ganzheitlich" vor, als „Urform der Nächstenliebe". (Die Bezeichnung „Humanistische Medizin" für die Garmischer ZIST-Konferenzen muß ohnehin als Falschetikettierung gelten: Weder geht es dabei um Humanismus [im Geiste etwa von Leibniz, Rousseau oder Voltaire], noch um Medizin [in wissenschaftlichem Sinne]. Vielmehr werden unter der Leitung von Wolf Büntig [-> Bioenergie] beliebige Sammelsurien halb- und parawissenschaftlicher Verfahren präsentiert, unter den Referenten findet sich alles, was Rang und Namen hat in der Szene: Thorwald Dethlefsen, Stanislav Grof, Rüdiger Dahlke, John Pierrakos, Bert Hellinger, daneben Geistheiler Tom Johanson oder Bach-Blüten-Veteranin Mechthild Scheffer.) Seit Sommer 1993 veranstaltet Jirina Prekop über ZIST auch eigene Weiterbildungsprogramme: „Festhalten als Lebensform und Therapie". Kosten des dreitägigen Seminars: 560 Mark.(1138)

Wie der Deutsche Kinderschutzbund feststellte, bietet die „Festhaltetherapie" die perfekte Maskerade und Rechtfertigung für Gewalt: unerträgliche Machtanmaßung, kaschiert als therapeutisch notwendige Maßnahme.(1139) Dies gilt gleichermaßen für das „Festhalten" von Kindern wie für das „Festhalten" von Teilnehmern in Therapiegruppen (auch wenn diese ihre „Einwilligung" dazu erteilt und extra dafür bezahlt haben). Anfang 1996 erstattete der Marburger Psychologe Daniel Soll Strafanzeige gegen Prekop wegen des Verdachts des „öffentlichen Aufforderns zur Mißhandlung von Schutzbefohlenen"; da allerdings nur direkt Geschädigten ein Klagerecht zusteht, wurde das Verfahren eingestellt.(1140)

 

Bibliographie


Colin Goldner: " Die Psychoszene", Alibri 2000, S. 269 ff.


Anmerkungen

1131 z.B. Padma-Therapiezentrum (Programm). Stuttgart, 1993
1132 zit. in: Skeptiker, 4/1993, S. 111
1133 vgl. Gesellschaft zur Förderung des Festhahens als Lebensform und Therapie e.V. (Selbstdarstellung). Stuttgart, o.J.
1134 vgl. Feuser, G.: Aspekte einer Kritik des Verfahrens des 'erzwungenen Haltens' (Festhaltetherapie) bei auti-stisch und anders behinderten Kindern und Jugendlichen, in: Behindertenpädagogik, Nr. 27, 1988, S. 115f.
1135 vgl. Zaslow, R.: Z-Prozeß-Beziehungstherapie, in: Corsini, R. (Hrsg.): Handbuch der Psychotherapie (Band 2). München, 1987, S. 1450f.
1136 vgl. Biermann, G.: Stellungnahme eines Kinderanalytikers zur Festhaltetherapie, in: Praxis Kinderpsychologie/Kinderpsychiatrie, Nr. 34, 1985, S. 73f.
1137 Ankündigungen in „Holding Times", 1/1993
1138 ZIST (Programm) Penzberg, 1993
1139 vgl. Kischkel, W./Störmer, N.: Tatkräftige Liebe, in: Psychologie Heute, 6/1995, S. 28f.
1140 LG Stuttgart Az.: 20 Js 1177/96