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Schamanische Therapie

Colin Goldner / 22.04.2010


Jede Stammesgesellschaft verfügt über zumindest einen Medizinmann, Magier oder Priester, der mit den Geistern, Göttern und Ahnen der Gemeinschaft in Bezug zu stehen vorgibt. Diese „heiligen Männer", kraft ihrer „jenseitigen Kontakte" mit angeblich besonderen Fähigkeiten als Heiler ausgestattet, werden gemeinhin als Schamanen bezeichnet. Der Begriff ist aus der altindischen Gelehrtensprache des Sanskrit abgeleitet und weist auf die Ebene „unterhalb" des Sichtbaren hin (möglich ist auch die Herleitung aus der Sprache der Mandschu, in der „xaman" soviel wie „wissen" bedeutet). Mit Hilfe ritueller Tänze, Gesänge und Gebete, mit Trommeln und auch unter Einnahme verschiedener Drogen, versetzt sich der Schamane in eine Art Trance, in der, wie es heißt, seine Seele sich in eine „andere Wirklichkeit" begebe, um dort Rat und Erkenntnis einzuholen.2030

Anfang der 1970er Jahre veröffentlichte der peruanische Schriftsteller Carlos Castaneda (1925-1998) mehrere Berichte über seine angeblich zehnjährige Lehrzeit bei dem indianischen Medizinmann und Zauberer Don Juan Matus. (Inzwischen ist längst erwiesen, daß sich Castaneda diese „Lehrjahre" anhand von Daten anthropologischer Feldstudien zusammenphantasiert hatte: ein „Don Juan Matus" hat nie existiert.) Durch seinen Bestseller Reise nach Ixtlan wurde die okkulte Welt der Schamanen mit einem Schlag einem breiten Publikum bekannt.2031 In der Folgezeit erschien eine Unzahl schamanistischer „Lehrbücher" auf dem Markt, in einer Modewelle ohnegleichen, die zunächst die USA, ab Ende der 1970er auch Westeuropa erfaßte, wurden allenthalben „Schamanenrituale" und „Schamanenwork­shops" veranstaltet, selbst eigene „Schamanenfestivals" wurden organisiert, bei denen mehr oder minder „authentische" Medinzinmänner und Stammesälteste ihre Weisheit kundtaten. Anfang der 1980er sah die Weltgesundheitsorganisation WHO sich gar aufgefordert, Schamanismus in der Behandlung psychischer und psychosomatischer Beschwerden der westlichen Medizin gleichzustellen.

 

Ende der 1980er ebbte der Schamanismus-Boom etwas ab. Willkürlich zusammengewürfelte Elemente aus verschiedensten Traditionen, von Kritikern als Neo- oder Plastik-Schamanismus bezeichnet, werden allerdings nach wie vor als Begleitung von Therapiegruppen oder in Form eigenständiger Workshops („Elementartrainings") angeboten. Der Ablauf neoschamanistischer Wochenend-Workshops ist in der Regel genau strukturiert: Es werden unter freiem Himmel rhythmische Gesänge intoniert, es wird getrommelt und getanzt, gelegentlich werden auch „magische Pilze" (Peyote) oder andere „schamanische Drogen" (Marihuana) eingenommen. In einer „Visionssuche" (VisionQuest) nehmen die Teilnehmer u.a. Kontakt zu ihrem „spirituellen Krafttier" auf. Zu monotonem Trommelrhythmus wird dieses Tier, meist Wolf, Bär oder Adler, getanzt. Auch zu Bäumen oder Felsen kann Kontakt aufgenommen werden. Wesentliches Element neoschamanistischer Rituale ist die „Indianische Schwitzhütte" (Stone-People-Lodge). In einem mit Decken und Planen bedeckten Weidengestell in Iglu-Form kauern die Teilnehmer nackt um ein Becken glühender Steine, auf die regelmäßig etwas Wasser gegossen wird. Sie harren in diesem oft unerträglich heißen, dampfenden und dunklen Iglu bis zu drei Stunden aus. Die Enge, Feuchtigkeit und Hitze lassen (eigens suggerierte) „Erinnerungen" an den Mutterschoß entstehen, Gefühle der „Einheit und Verbundenheit", aber auch des unbedingten Dranges nach Befreiung. Manitou oder Wakantanka werden beschworen: „Großer Geist, hilf mir, meine Versagensängste loszuwerden" oder „Großer Geist, hilf mir, mehr zu meiner Männlichkeit zu stehen".2032 Der enorme Gruppendruck verhindert vorzeitigen Abbruch des „Wandlungsprozesses" (gelegentlich auch als „Seelenrückholung" bezeichnet"). Nach der Schwitzhütte findet ein „Sprechkreis" (Talking Circle) statt, bei dem alle Teilnehmer sich mitteilen können, bei dem aber keinerlei Diskussion oder Rückmeldung erlaubt ist. Einige der Neo-Schamanen setzen - je nach „Kompetenz" - körper- oder gestalttherapeutische Techniken zur Bearbeitung der gemachten Erfahrungen ein. Weitere Neo-Schamanen-Rituale sind das Baden in Eiswasser oder ein Feuerlauf über glühende Kohlen.2033

 

Einer der regelmäßigen Veranstalter von Schwitzhüttenritualen ist der „ausgebildete Schamane" Hermann Strohmeier, Gründer und Leiter des Bärenstamm e. V. im niedersächsischen Extertal. Seit 1993 gibt es mit Kreiszeit gar eine eigene „Fachzeitung", die sich als Forum versteht mithin für „Pflanzen- und Tiergeistmedizin, Druiden und Kelten, Geomantie und die heiligen Plätze der Schamanen, Visionssuche, schamanische Experimente und Techniken, Umgang und Arbeit mit den Urkräften, Chakrentierarbeit, toltekische Magie, Castaneda und Energiearbeit, Huna, Maskenarbeit, Schamanische Reiseberichte aus der alltäglichen und nichtalltäglichen Wirklichkeit, Psychopompos, Seelenarbeit mit Lebenden und Verstorbenen, Netzwerk, Männer- und Frauenarbeit, Schamanenkreise, Workshop- und Seminarberichte, Trommelgruppen, Schwitzhütten, Rituale, (...) Wildniscamps und Aufent­halte".2034

 

Als Eminenz der Szene gilt die amerikanische Ethnologin Felicitas Goodman, die ohne jeden Anflug kritischer Reflexion, ihre Trancebegegnungen mit Tiergeistern und der Geistern verstorbener Schamanen beschreibt. Laut Goodman gehe das Einnehmen bestimmter Körperhaltungen während des Trancezustandes - induziert beispielsweise durch Konzentration auf das Geräusch einer Rassel oder Trommel -, mit jeweils dazugehörigen visionärer Einsichten einher. Mittels dieser Haltungen könne man eintauchen in eine „andere Wirklichkeit", die sich eben nur öffne, wenn man dergestalt Einlaß suche.2035 Im deutschsprachigen Raum zählt zu den (selbsternannten) „Tranceexpertinnen" die Münchener Goodman Schülerin * Kaye Hoffman, die auf kaum einer Esoterikveranstaltung fehlt, sich inzwischen aber auch Zugang zu durchaus reputierlichen Wissenschaftskongressen verschafft hat.203 Auch die (Ex-)Rajneesh-Anhängerin Silvie „Gayan" Winter hält sich für eine Expertin in Sachen „VisionQuest" und schamanistischer Trance. Darüberhinaus gibt es kaum einer Esoterikkongreß, der nicht von einem „Dance of the Deer"-(Hirschtanz-)Ritual des amerikanischen Neo-Schamanen Brant Secunda angereichert würde, der - frappante Ähnlichkeit zi Castaneda - eine angeblich zwölfjährige Lehrzeit bei einem indianischen Medizinmann und Zauberer namens Don Jose Matsuwa in der Nähe von Ixtlan (Mexiko) durchlaufen haber will.

 

Die einzelnen Bestandteile eines „Schamanen-Workshops" sind für körperlich oder psychisch labile Menschen nicht ohne Risiko. Die Leiter sind in der Regel nicht annähernd qualifiziert, etwaige Probleme bei einzelnen Teilnehmern zu erkennen und entsprechend aufzufangen. Auch hinsichtlich der Kulturanthropologie schamanischer Traditionen haben die meisten Neo-Schamanen keine tiefergehende (geschweige denn kritische) Ahnung, selbst die im deutschsprachigen Raum populären indianischen „Medizinmänner" Harley Swif Deer Reagan, Archie Fire Lame Deer oder Sun Bear (gest. 1992) haben keinerlei traditionelle* Ausbildung durchlaufen; ebensowenig der (von Jürgen Fliege in seinem Nachmittagstalk besonders herausgestellte) „Navajo-Schamane" Francis Mitchel. Die von diesen (selbst ernannten) Schamanen praktizierten Rituale sind wahllos aus ihrem ursprünglichen Kontex herausgerissen und werden völlig willkürlich eingesetzt. Der Ältestenrat der Lakota-Sioux hat sich 1989 öffentlich gegen derlei „Ausverkauf indianischer Spiritualität durch 'Plastik-Schamanen'" gewandt,2037 zu denen vor allem auch der von einem Esoterikmarkt zum nächsten tingelnde „Zero-Chief' und Bestsellerautor Hyemeyohsts White Wolf Storm oder der „Inka-Schamane" Cesar Malasquez zählen. Auch nicht-indianische „Schamanen" wie beispielsweise Swift-Deer-Schüler Helmut Christof, alias „Sun-Walker", alias „Berg-Mond-Wanderer", führen entsprechende Workshops durch. Christofs bevorzugtes Programmangebot ist die sogenannte „Gaia-Einweihung", die er in einer „Vision" empfangen haben will. Angeblich handelt es sich dabei um einen der „mächtigsten Heilungs- und Selbstfindungsprozesse (...), wie sie heute nur noch einige Naturvölker kennen. Dieser Prozeß hilft über innere und äußere Grenzen zu gehen und schenkt ein neues Verständnis über Eingebundensein in die Natur." Tatsächlich besteht die Gaia-Einweihung aus nichts anderem als der üblichen Abfolge von Schwitzhütte, Trancetanz, Krafttiersuche etc., verbunden mit ein paar Tantra-Übungen; mäßig originell ist auch Christofs „schamanischer Hanfheilkreis", bei dem in erster Linie ein paar Kalumets (indianische „Friedenspfeifen") die Runde machen.2038 Der Wert derartiger Veranstaltungen - als Vorreiter, der schon Ende der 1970er rituelle „Begegnungen mit der Sonne" und dergleichen inszenierte, gilt der heute noch aktive Bernhard Langwald (Regen-bogenseminare)2039- liegt bestenfalls in folkloristisch angehauchter Selbsterfahrung. Ein Wochenend-Workshop kostet zwischen 450 und 800 Mark.

Grundsätzlich ist kein traditionelles Schamanen- oder Heilersystem vor den Ausschlächtern der Esoterikszene sicher. Man klaut von Eskimos, Tibetern, Philippinos, Hawaiianern und so weiter, ohne den Hauch wirklichen Interesses an den Menschen, aus deren Kultur man sich bedient. Nicht die Ausbeutung der Indianer in Uranbergwerken interessiert, sondern ihr Medizinrad-Ritual und ihr Sonnentanz.2040 Vielfach werden „Heiler", „Medizinmänner" oder „Schamanen" extra eingeflogen, um Promotion-Tours anläßlich einer Buchpublikation zu begleiten oder irgendein Zentrum oder eine Heilpraxis mit „höherer Weihe" zu versehen. Keineswegs muß es sich dabei um besonders qualifizierte oder kompetente Vertreter des jeweiligen Kulturkreises oder einer bestimmten schamanischen Tradition handeln, entscheidend sind eher Zufallskontakte und die Bereitschaft der „Heiler", sich entsprechend vermarkten zu lassen. Sie treten in Vorträgen, Seminaren und Workshops auf, meist in originalen Kostümen, und verbreiten den Nimbus magischer Heilkraft. Das wichtigste aber ist: Sie werten die Person oder Gruppe, der sie ihren Exkurs zu verdanken haben, als „Schüler" oder „Adepten" eines „echten Schamanen" ungemein auf; vielfach „autorisieren" sie ihre „Schüler", das jeweilige Heilverfahren eigenständig weiterzubetreiben, gegebenenfalls gar zu lehren. Anbieter exotischer Heilsysteme (Ayurveda, Kahuna etc.) berufen sich durchweg auf irgendeine Begründer- oder Lehrerfigur, die die jeweilige Praktik mit „Authentizität" versieht - und zugleich gegen Kritik immunisiert: Die Weisung eines „Original-Schamanen" anzuzweifeln, käme für Esoterik-Anhänger einer Gotteslästerung gleich. Seit Jahren organisieren findige Veranstalter auch Pilgerreisen zu philippinischen, brasilianischen oder sonsti­gen Schamanen und Wunderheilern.

Auch der Erste Weltkongreß für Psychotherapie, eine an sich der kritischen Wissenschaft verpflichtete Großveranstaltung in Wien im Sommer 1996, schmückte sich mit einer Truppe sibirischer Schamanen. Deren völlig beziehungsloses Getrommle und Herumgewedele fand größten Zuspruch bei der versammelten Elite akademischer Psychologen. Ausdrückliches Anliegen der Kongreßveranstalter war die Öffnung auch für „nichteurozentristische Sicht­weisen", folglich durften selbst Vertreter von ^ Naikan und * Reiki in eigenen Workshops die Werbetrommel rühren.2041 Eine kritische Auseinandersetzung mit den schamanistischen beziehungsweise parawissenschaftlichen Verfahren fand nicht einmal ansatzweise statt. Trotz aller Kritik an Chefveranstalter Alfred Pritz hatten auch in der Neuauflage des „Weltkon­gresses" im Juli 1999 wieder Esoteriker jeder Coleur ihren Auftritt: Reiki-Geistheilung wurde im Programm gar als „methodische Innovation" angepriesen.2042 Auch Margarethe Schrei-nemakers, ehedem erfolgreichste Talkshow-Moderatorin des deutschen Privatfernsehens, suchte mit Hilfe eines Schamanen Quote zu machen: Sie präsentierte dem gläubigen Fern­sehvolk den westafrikanischen Wunderheiler „Papa Elie Hien", der mit magischem Brimborium den Schauspieler und bekennenden Esoteriker Günther Strack geheilt haben wollte: Er, Hien, habe mit der Seele Stracks gesprochen, die bereits aus dessen Körper ausgetreten und nur noch über eine ätherische „Silberschnur" mit diesem verbunden gewesen sei; es sei ihm gelungen, die Seele zur Umkehr zu überreden. Damit sie in Stracks Körper zurückkehren könne, habe er ein in heißes Wasser getauchtes Tuch auf dessen Bauchnabel gelegt: „Die Seele suchte sich den (insofern) vorbereiteten Eingang aus und kehrte durch den Bauchnabel zurück in Günthers Körper. Ohne meine Hilfe wäre er gestorben."2043 Trotz zusätzlichen Gewedeies mit einem Ochsenschwanzfetisch verstarb Strack kurze Zeit darauf. Ungeachtet dessen reist Hien seither von einer Esoterikveranstaltung zur nächsten, um sich als „Heiler Stracks" feiern zu lassen und als solcher „uraltes afrikanisches Heilwissen" zu verkaufen.

 

Seit Mitte der 1990er erleben auch Castañedas schamanistische Hirngespinste ein unge­ahntes Revival: Ein gewisser Victor Sánchez bereist die Lande, um in „Intensivseminaren" (4 Tage/700 Mark) einer nachgerückten Generation die „Lehre des Don Carlos" zu verkünden. Sánchez, so die Seminarausschreibung, „beantwortet die Suche von Millionen Lesern, die von den Büchern Castañedas fasziniert sind, jedoch nicht die Anleitung und klare Wegweisung fanden, die Essenz seiner Lehren in ihrem Alltag anzuwenden".2044 Auch Castañeda selbst trat (bis zu seinem Tod im April 1998) nach längerer Pause wieder öffentlich in Erscheinung: In sogenannten „Tensegrity-Workshops" (Kunstbegriff aus: tenÄon [Spannung] und integrit} [Zusammenhalt]) suchte er die „reine Lehre Don Juans" und vor allem dessen „magische Energiebewegungen" (eine Abfolge folkloristisch anmutender Gymnastikübungen) möglichst vielen Menschen nahezubringen. (Für seine Veranstaltung in der Bundesrepublik Ende Juni 1997 wurde eigens die Berliner Max-Schmeling-Halle mit mehreren tausend Teilnehmerplät­zen angemietet). Die Nachfolge Castañedas traten seine bisherigen Assistentinnen Florinda Donner Grau, Taisha Abelar, Carol Tiggs und Blue Scout an, die sich als vom Meister selbst ausgebildete „Schamaninnen" verstehen.2045 Ein „Tensegrity-Workshop" dauert drei Tage und kostet 980 Mark.

 

Ende 1998 veranstaltete die Gladbecker Geisterpostille o Die Andere Realität mit großem Tamtam einen Weltkongreß der Indianer und Schamanen, bei dem man alles aufmarschieren ließ, was nur irgendwie unter dem Fähnchen „Schamanismus" zu verkaufen war: von (angeb­lichen) Sioux-, Lakota- und Komanchen-Medizinmännern über (angebliche) Azteken und Inkas hin zu (angeblichen) Stammesheilern aus Nepal, Sibirien, Brasilien und Afrika; selbst­redend mit von der Partie: „Berg-Mond-Wanderer" Helmut Christof, Rainer Holbe und Franz Alt. Aus Australien hatte man eigens zwei „Original Aborigènes" namens Gnarna-yarrahe und Ponjydfljydu eingeflogen, die (wie in einer der unseligen Jahrmarktmenagerien früherer Tage) herumsaßen und auf ihren Didgeridoos bliesen. Parallel zum Kongreß­programm (dreieinhalb Tage/480 Mark) konnte man bei den anwesenden Schamanen und Medizinmännern auch Einzelstunden buchen (eine Konsultation bei Gnarnayarrahe etwa wurde mit zusätzlichen 260 Mark in Rechnung gestellt2046). Mit besonderem Eifer wurde die Idee des Bioregionalismus propagiert (einer Art Öko-Variante völkischer Blut-und-Boden-Ideologie), die seit Mitte der 1990er vor allem in den USA Raum zu greifen beginnt. Zentrales Diktum: Menschen, die in einer Region eingeboren seien, komme dort ein umfassendes „Erstrecht" (was immer das heißen soll) gegenüber allen Nicht-Eingeborenen zu.2047

 

Auch das oberbayerische Esoterikzentrum * ZIST steht der neuen Schamanismuswelle aufgeschlossen gegenüber: Thema des Jahreskongresses 2000: „Wanderer zwischen den Welten", eine Zusammenkunft von (Plastik-)Schamanen jedweder Provenienz und schamanistisch angehauchten Heimat-, Volks- und Völkerkundlern; passenderweise mit Filmbeiträgen aus dem Max-Planck-Archiv Irenaus Eibl-Eibesfeldts.2048

 

Ein österreichisches Institut für kulturübergreifende Studien und Bewußtseins-Training in Voitsberg bietet seit einiger Zeit eigene Ausbildungsgänge zum geprüften „Euro-Schama­nen" an. Die je einwöchigen Gruppentrainings, die neben dem „Herbeiführen schamanischer Bewußtseinszustände" vor allem die Vermittlung einschlägiger „Heil- und Mantik-Methoden, Rituale, Zeremonien usw." umfassen, kosten pro Teilnehmer rund 1.000 Mark. Eine etwas umfänglichere Ausbildung zum zertifizierten „Schamanischen Berater und Heiler" wird in neun drei- bis fünftägigen Workshops durchgeführt. Der angehende Heiler wird hierbei nicht nur in „schamanischen Reisemethoden" sowie im „Rufen von und Umgang mit Helfer- und Schutzwesen" unterwiesen, sondern auch in Aroma-, Bach-Blüten- und Edel­steintherapie, Tarotkartenlesen sowie „psychodynamischer Körper-, Emotions- und Energiearbeit". Kosten: rund 4.000 Mark.2049 Unnötig zu erwähnen, daß das von Institutsleiter Werner Kosmus (eigenem Bekunden zufolge „initiierter philippinischer Geistchirurg"2050) verliehene Heiler-Zertifikat rechtlich zu nichts befugt.

 

Im Ausschlachten stammesgesellschaftlicher Traditionen greift man bevorzugt auch deren musikalisches Erbe ab. Inzwischen sind CDs aus jeder nur erdenklichen kulturellen Ecke auf dem Markt, die zur atmosphärischen Untermalung von Workshops und Therapiesitzun­gen verwendet werden. Besonders geeignet, „Naturverbundenheit" und „Spiritualität" zu suggerieren, erscheint vielen Veranstaltern wohl der sogenannte „Kattajaq", ein mit monoto­nem Trommelrhythmus unterlegter Singsang kanadischer Inuit-Eskimos.2051 Im Grunde jedoch herrscht völlige Beliebigkeit: Was immer Volksmusiktraditionen hergeben, wird von der Esoterikszene vereinnahmt, ob nun südamerikanische Flöten- oder keltische Harfen­musik, ob koreanisches Trommelritual, arabische Lauten- oder indische Sitarklänge. Vielfach wird alles zusammengerührt zu nichtssagenden Klanggebilden, die unter bedeutungsschwan­geren Titeln wie „Divine Harmony", „Cosmic Consciousness" oder auch „On the other Side of the Rainbow" auf den Markt geworfen werden. Tausende einschlägiger CDs sind auf dem Markt, eine Scheibe banaler als die nächste. Zu den produktivsten Herstellern musikalisch einander weitgehend identischer CDs zählt der Szenemusiker Edwin „Gomer" Evans, der für jede Streßsituation eigene „Entspannungs"klänge andient: für schreiende Babies, genervte Mütter, überspannte Manager; daneben führt er sternzeichenspezifische „Kompositionen" im Angebot.

 

 

 

Bibliographie


Colin Goldner, "Die Psychoszene, Alibri-Verlag 2000

2030        Vgj Hoppal, M.: Schamanen und Schamanismus. Augsburg, 1994

2031        Castaneda, C.: Reise nach Ixtlan: Die Lehre des Don Juan. Frankfurt/Main, 1972 (Die „ethnologische Feldforschung" zu Castanedas ursprünglich als Dissertation an der UCLA verfaßter Reise nach Ixtknfand in erster Linie in der Universitätsbibliothek statt. Der Ethnologe Richard de Mille deckte den akademischen Skandal Ende der 1970er auf: Ein „Don Juan Matus" hatte nie existiert. Vgl. Mille, de, R.: Die Reisen des Carlos Castaneda. Bern, 1980)

2032        vgl. Lessing, L: New Age & Co: Einkauf im spirituellen Supermarkt. München, 1993

2033        vgl. Harner, M.: Der Weg des Schamanen. Interlaken (CH), 1982

2034        Kreiszeit (Werbematerial). Walenstadtberg (CH)

2035       vgl Goodman, F.: Wo die Götter auf den Winden reiten: Trancereisen und ekstatische Erlebnisse. Freiburg, 1989

2036       z.B. Europäischer Kongreß für Hypnose und Psychotherapie. München, 10/1995

2037       vgl. Schweidlenka, R.: Altes blüht aus den Ruinen: New Age und Neues Bewußtsein. Wien, 1989

2038       Gaia-Sommercamp: Die Kraft von Mutter Erde, in: Wassermann-Zentrum (Jahresprogramm) Gschwend, 1998

2039       Langwald, B.: Sonnenkraft und Lebenskraft (Werbematerial). Ebenhausen, 1989 (Langwalds Regenbogenseminare firmieren heute als Bernhard-Langwald-Seminare.)

2040       vgl. ebenda, S. 11

2041       vgl. Sigmunds Erben, in: Der Spiegel, 28/1996, S. 162f.

2042       vgl. Goldner, C.: Mega-Event mit 1000 Workshops, in: Intra, 41/1999, S. 10

2043       zit. in: Sebastian, R.: Die Neuen Heiler: Wo Kranke wirklich Hilfe finden. München, 1999

2044           Wege-Institut (Werbematerial). Herdwangen, 1997

2045           Wrage Seminar Service: Tensegrity (Werbematerial). Hamburg, 1997

2046           £)je Andere Realität (Kongreßprogramm) vom 1.5.1996

2047       vgl. Bierl, P.: Ökofaschismus: Bioregionalismus und Tiefenökologie: Statt Befreiung des Menschen die Mystifikation der Erde, in: ÖkoLinx, 23, Sommer, 1996, S. 36f.

2048       ZIST: Wanderer zwischen den Welten: Schamanismus im neuen Jahrtausend (Programm). Garmisch Partenkirchen, 2000

2049       Institut für kulturübergreifende Studien und Bewußtseins-Training (Werbematerial). Voitsberg, o.J.

2050       Kosmus, W.: Große Einweihung durch philippinische Geistheiler, in: MTK-Info, 9/1998, S. 6f.

2051       vgl. Oppermann, R.: Der Kattajaq, in: Esotera, 2/1990, S. 83f.