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Ist wirklich alles möglich?
IDS Halle, Frau Dr. Viola Phillip/ Frau Dr. Marion Zimmermann
IDS - Orientierung am Psychomarkt
1. Wozu diese kleine Orientierungshilfe?
Die religiösen, esoterischen und therapeutischen Lebenshilfeangebote bilden einen riesigen und unüberschaubaren Supermarkt. Gehandelt wird mit den Sehnsüchten, Wünschen und Ängsten von Menschen. Es gibt Angebote für alle Altersgruppen und sozialen Schichten. Die Produkte versprechen Seriosität, oft verbirgt sich dahinter jedoch pure Scharlatanerie und manchmal auch kriminelles Tun.
Für den Einzelnen, der auf der Sinnsuche ist, der ein akutes Problem hat oder ein nicht bewältigtes Lebensthema mit sich herumträgt, ist es ungeheuer schwer, all diese Versprechungen und Verheißungen zu durchschauen. Wie soll man erkennen, ob ein Angebot hilfreich ist, oder ob es neue Probleme und eventuell folgenschwere Abhängigkeiten schafft? Die Angebote und Verheißungen kommen in den verschiedensten Gewändern daher: Seminare, Workshops, Vorträge, Meditationsabende etc. Anbieter sind Einzelpersonen, Stiftungen oder Vereine.
Die Anfragen besorgter Bürger bei Informations- und Beratungsstellen sind vor allem folgende: Ist das eine Sekte? Ist das gefährlich? Sind das nur harmlose Spinner? Gibt es eine Sektenliste? Was kann ich tun, wenn ich befürchte, dass meine Tochter, mein Mann, meine Freundin in eine dubiose Gruppe geraten ist? Kann der Staat, die Gesellschaft denn nicht mehr tun, um uns zu schützen?
Hinter diesen Fragen verbirgt sich neben großer Sorge und Unsicherheit auch der Wunsch nach gesetzlicher Regelung und staatlicher Fürsorge. Dem Staat ist durch das Grundgesetz geboten, einerseits die Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit zu gewähren, andererseits aber auch die Grundrechte des Einzelnen auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit zu schützen. Besondere Schutzfunktionen müssen da greifen, wo es um Kinder und Jugendliche geht und um Menschen, die sich in einer schwierigen physischen und/oder psychischen Verfassung befinden und daher eventuelle Gefährdungen vielleicht nicht einschätzen können.
Grundsätzlich aber hat in einer freiheitlich demokratischen, pluralistischen Gesellschaft der Bürger das Recht und die Pflicht, sich zu informieren. Entscheiden muss letztendlich er selbst.
Als Hilfsangebot für Information und Orientierung ist dieses Hefchen gedacht, in das auch Erfahrungen, Tipps und Ratschläge aus verschiedenen Beratungsstellen der Bundesrepublick eingeflossen sind.
IDS - Orientierung am Psychomarkt
2. Was sollten Sie über sich wissen?
Da die Anbieter aller Couleur sehr gezielt auf die Bedürfnisse und Befindlichkeiten der Einzelnen eingehen, ihre Angebote oft gewissermaßen „maßgeschneidert" wirken, wäre der erste Schritt eines wirksamen Schutzes, gründlich über die eigenen Bedürfnisse nachzudenken.
Welche Vorstellungen habe ich vom Leben?
- Ist mir der berufliche Erfolg wichtiger als alles andere und welchen Preis würde ich dafür zahlen?
- Möchte ich die „Welt retten"?
- Ist für mich das klassische Familienbild (Mann arbeitet, Frau ist Hausfrau und Mutter) das Anstrebenswerte?
- Gehe ich davon aus, dass alles im Leben durch das Schicksal vorherbestimmt bzw. durch karmische Verstrickungen erklärbar ist?
Wie ist meine aktuelle Befindlichkeit?
- Fühle ich mich wohl mit meiner Lebenssituation oder möchte ich sie ändern?
- Fühle ich mich anerkannt und genug beachtet oder bemerkt keiner mehr, was ich tue?
- Fühle ich mich wohl in meiner Haut?
Wie reagiere ich?
- Lasse ich mich schnell begeistern und zu spontanen, unüberlegten Handlungen hinreißen?
- Bin ich eher skeptisch gegenüber Neuem oder neige ich dazu, die Dinge weniger zu hinterfragen?
- Meide ich Konflikte bzw. wünsche ich mir, dass Konflikte wie durch ein „Wunder" ganz schnell gelöst werden?
Wie stehe ich zu religiösen, spirituellen Fragen?
- Welche Rolle nehmen für mich Religiosität und Spiritualität ein?
- Neige ich zu einem magischen Weltbild? Fühle ich mich von der Esoterik angezogen?
- Glaube ich an Magie, an die Macht des Übernatürlichen, an göttliche Eigenschaften von Menschen, oder favorisiere ich ein wissenschaftliches Weltbild, oder meine ich, beides ist vereinbar?
- Glaube ich an Geistheilen, kosmische Kräfte und Energien?
IDS - Orientierung am Psychomarkt
3. Wie können Sie die Angebote einordnen?
Die am häufigsten gestellte Frage ist die: „Verbirgt sich dahinter eine Sekte?". Dabei wird nicht unterschieden, ob es sich um christliche Sondergemeinschaften, Freikirchen, um Bewegungen mit meditativ-hinduistischem Hintergrund, Neuoffenbarungsbewegungen, Psychogruppen, Motivationsseminare oder Esoterik handelt. Hinter der Frage „Ist das eine Sekte?" verbirgt sich die Frage nach der Bedrohlichkeit oder Gefährlichkeit dieser Bewegung für den Einzelnen, für die Familie und die Angehörigen, auch für die Gesellschaft. Insofern ist zwar eine ausführliche Bestimmung des Sektenbegriffes in seiner unterschiedlichsten Verwendung nicht unerheblich (siehe angegebene Literatur), viel hilfreicher allerdings ist die Herausarbeitung von Merkmalen, anhand derer man eine Bewegung, eine Gemeinschaft als konfliktträchtig einschätzen kann.
Merkmale und Strukturen potenziell konfliktträchtiger Gruppen
- Lehre, Ideologie, Glaube, Theorie, Ziele
Allmachtsphantasien, Wahrheitsmonopol, Schwarz-Weiß-Denken, Endzeitvisionen, Rettungsplan, expansiver Machtanspruch: Nur wir können die Welt retten
- Die zentrale Figur: Führer, Guru, Meisterin
Führerkult, Führungsstil, Charismatisierung
- Gruppenstruktur: Elitegemeinschaft
Abschottung nach außen, große Gruppenzusammengehörigkeit, steile Hierarchie, Elitebewusstsein, Ausbeutung, eigene Sprache, subversive und illegale Tätigkeiten
- Einfluss auf das Mitglied: Bewusstseinskontrolle
Entindividualisierung, Reglementierung des Alltags, materielle und psychische Abhängigkeit, Bruch mit bisheriger Lebensgeschichte, neue Identität
- Techniken zur Persönlichkeitsveränderung
Einsatz von emotionsmobilisierenden, euphorisierenden und bewusstseinsverändernden Techniken (Hyperventilation, Chanten, Zungenreden, exzessive Meditation etc.) Labilisierung durch Fasten, Schlafentzug, körperliche und psychische Überforderung
- Kontakte nach außen und Umgang mit Ehemaligen und Kritikern
Manipulative Anwerbungsmethoden, Bunkermentalität (innen der Himmel, draußen die Hölle), Verschwörungstheorien,
Ehemalige werden zu Unpersonen erklärt (Kontaktabbruch), Einschüchterung von Kritikern, Drohungen, Prozesse, Telefonterror etc. (entnommen: Psychologie Heute, September 1997)
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4. Welche Felder werden in den letzten Jahren besonders intensiv besetzt?
Gesundheit und Heilung
Hier finden sich u. a. folgende Ansichten:
- Der geistige Weg ist der einzige Weg, Krankheiten zu heilen.
- Krankheiten sind Folge des Nichtglaubens an Gott.
- Heilkräfte, die durch einen Heiler weitergegeben werden, ersetzen jede klassische wissenschaftliche Medizin (üblicherweise als Schulmedizin bezeichnet).
- Alternative, nichtkonventionelle Medizin ist der ausschließliche Behandlungsweg, der nicht durch die Schulmedizin durchbrochen werden darf.
- Erfahrungsberichte von „Geheilten" sind Beweis genug, wissenschaftliche Dokumentationen von Krankheitsverläufen erübrigen sich folglich.
- Wenn kein Heilungserfolg eintritt, hat der Kranke nicht genug an die göttlichen oder kosmischen Energien beziehungsweise an die therapeutischen Kräfte des Heilers geglaubt.
Entwicklung und Erziehung von Kindern
Hier finden sich u. a. folgende Ansichten:
- Schwierige, eigensinnige, verhaltensauffällige, hyperaktive Kinder sind Kinder der neuen Generation (Indigokinder). Empfehlungen zum Umgang mit ihnen offenbart (channelt) das Geistwesen Kryon, pädagogische, ärztliche oder therapeutische Beratung ist nicht empfehlenswert.
- Kindern mit Einschlafstörungen, Konzentrationsschwäche, Kontaktschwierigkeiten kann mit der Verabreichung universaler Energie geholfen werden.
- Problemkindern reicht man Bachblüten, Bettnässern die Kirschpflaume, boshaften Kinder die Stechpalme und die Weinrebe.
Lebensberatung für alle Gelegenheiten
Abstruse Angebote:
Esoterische Beratungen zur Bewältigung von Geldproblemen; magische Hilfe zur Entfaltung eines Liebeszaubers; spirituelles Coaching für Sinnsucher; Kurse, in denen man lernt, die eigene Wirklichkeit zu kreieren; Kamasha Essenzen - Engelstropfen aus der Quelle des Seins; Reiki im Beruf der Friseure; Heilung durch individualisierte Pflanzen auf dem Balkon; Rückführungen in frühere Leben; Chakrenausgleich….
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5. Was sollte Sie kritisch stimmen?
- Sie finden bei dem Anbieter genau das, was Sie bisher vergeblich gesucht haben. Es ist wie ein AHA-Erlebnis. Für Sie eröffnet sich eine völlig neue Sicht der Dinge.
- Sie finden verblüffend einfache Erklärungen für alle Ihre Probleme.
- Der Anbieter nimmt immer mehr Raum in Ihrem Leben ein. Sie haben immer weniger Zeit für gewohnte Kontakte und Interessen.
- Wenn Sie nach rationalen Erklärungen fragen, sagen Ihre neuen Freunde: „Das kann man nicht erklären, das muss man erlebt haben. Das sind ganz andere Ebenen."
- Die etablierte Wissenschaft, das rationale Denken, der Verstand werden als negativ, behindernd und störend bei der Suche nach den „höheren Wahrheiten" angesehen.
- Die Kritik durch unerleuchtete Außenstehende wird belächelt. „Sie können ja nicht verstehen, weil Sie sich dem Erlebnis verweigern."
- Wenn bei Ihnen Zweifel entstehen, weil die „Verheißungen" nicht eintreffen, wird Ihnen erklärt, dass genau diese Zweifel den Erfolg verhindert haben.
- Wenn Sie auf dem empfohlenen Weg nicht schnell genug voranschreiten, dann sagt man Ihnen, dass es allein Ihre Schuld sei. Sie haben nicht wirklich vertraut, nicht genug meditiert, nicht ausreichend verstanden, nicht genug Kurse besucht.
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6. Was können Sie tun?
Falls Sie ein Angebot interessiert, es Ihnen aber auch irgendwie dubios vorkommt:
Gehen Sie nicht allein zu Seminaren, Vorträgen etc., nehmen Sie einen kritischen Partner mit.
Informieren Sie sich vorher über Qualifikation und Methoden des Vortragenden bzw. Trainers und über den Ablauf des Seminars.
Prüfen Sie, ob Ihre Handlungsfreiheiten eingeschränkt werden!
Unterschreiben Sie vor Ort keine Verträge, lassen Sie sich nicht zu Entscheidungen drängen - die „einzige Chance", die „besonderen Konditionen" sind nichts als psychologische Methoden, um Sie zu Spontanhandlungen zu bewegen. Schlafen Sie noch einmal darüber, besprechen Sie das Angebot mit Freunden, fragen Sie bei Informationsstellen nach!
Falls Ihre Angehörigen bzw. Freunde betroffen sind:
Auch hier, informieren Sie sich über die Inhalte der Gemeinschaft, der Studiengruppe, des Meditationstreffs etc.
Bleiben Sie unbedingt mit der entsprechenden Person im Gespräch und forschen Sie nach deren Motiven.
Kritisieren Sie nicht pauschal, versuchen Sie, gemeinsam mit dem „Betroffenen" über wichtige Lebensfragen und Lebensmodelle zu sprechen. Versuchen Sie, ihn anzuregen, über die Konsequenzen des eingeschlagenen Weges nachzudenken. Suchen Sie mit ihm nach Alternativen, die ebenfalls seinen Bedürfnissen entsprechen und keine Gefährdungen bieten.
Zeigen Sie Ihren Standpunkt klar. Zeigen Sie auch Ihre emotionale Situation und Besorgnis. Versichern Sie, dass Sie die Entscheidung zwar nicht verstehen bzw. nicht gut heißen, aber geben Sie dem „Betroffenen" die Gewissheit, dass er jeder Zeit auf Ihre Hilfe zählen kann.
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7. Wo können Sie sich informieren ?
Ministerium für Gesundheit und Soziales
Referat Jugend, Herr Dieter Lomberg
Turmschanzenstr. 25, 39114 Magedeburg
Tel.: 0391- 567 4006
eMail: lomberg@ms.sachsen-anhalt.de
IDS
Frau Dr. Viola Phillip/ Frau Dr. Marion Zimmermann
Steinweg 5, 06110 Halle
Tel.: 0345 - 29 00 235, Fax: 0345 29 00 236
eMail: IDSNeureligioeseGemeinschaften@gmx.de
Beratungsstellen- und Betroffeneninitiativen auf religio.de