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Neujahrsansprache eines Konfessionslosen
Wolfgang Rühle / 31.12.2010 / Kommentar
Wird der private (Aber-)Glaube wider besseren Wissens zur öffentlichen Meinungsbildung instrumentalisiert und dies in Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dann wird es problematisch. Und das in mehrfacher Hinsicht.
Diakon Ludger Verst aus Kassel, Theologe und Journalist, ist davon überzeugt, dass „innerhalb der Schöpfungsordnung die Gestirnkonstellationen wie himmlische Buchstaben seien, bewegt von Kräften, in denen der Glaube Boten Gottes sieht, von welcher Art auch immer“ (Deutschlandfunk 12.12.2010). Mit diesem Glauben ist er nur einer von vielen in Deutschland. Warum auch nicht, was jemand glaubt oder auch nicht, ist seine ureigenste Angelegenheit. Dabei sollte es auch bleiben.
Wird aber der private (Aber-)Glaube wider besseren Wissens zur öffentlichen Meinungsbildung instrumentalisiert und dies in Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dann wird es problematisch. Und das in mehrfacher Hinsicht.
Herr Verst vermittelt dem Hörer, dass sich eine „fundierte Astrologie“ auf hohe wissenschaftliche und kirchliche Autoritäten berufen kann und bringt auch die Naturwissenschaften in Gestalt der Quantenphysik und der Molekularbiologie ins Spiel. Die Berufung auf kirchliche Autoritäten steht außer Zweifel, die auf wissenschaftliche Autoritäten schon, zumindest was das Attribut wissenschaftlich angeht. Das Attribut „fundiert“ vor Astrologie macht diese auch nicht seriöser.
Zudem drängt sich die Frage auf, warum sich der Diakon der katholischen Kirche in seinem Beitrag um kirchliche und wissenschaftliche Akzeptanz bemüht. Wenn Christus selbst, als Herrscher des Alls, Grundlage und Maßstab der christlichen Astrologie ist – so Herr Verst – , warum bemüht er dann die Wissenschaft, setzt Astrologie mit Psychoanalyse gleich, bemüht die Astronomie zur Klärung des Phänomens des Sternes von Bethlehem? Ist er sich seines Glaubens nicht sicher? Wohl kaum! Möchte er vielleicht suggerieren, dass Wissenschaft ja doch ganz nützlich ist, aber doch bitte im Schoße der Kirche?
Ansichtssache könnte man meinen, sollte man aber nicht. Herr Verst betreibt seit 1999 ein Labor für soziale Kommunikation, ist seit 2000 in der katholischen Journalistenschule IFP für die Medienausbildung der Theologinnen und Theologen verantwortlich und unterrichtet seit 2008 in einem Gymnasium Katholische Religion und Deutsch. Ein Fachmann also in Fragen Meinungsbildung und Suggestion.
Zwei kleine Probleme scheinen mir abschließend noch erwähnenswert.
Der Deutschlandfunk als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt wird über die GEZ finanziert. Die GEZ ist mir als Gebühren-Einzugs-Zentrale, nicht als Geistlich Esotherische Zahlstelle bekannt.
Desweiteren betrachte ich Glauben, wie schon erwähnt, als Privatsache. Nun wird aber auch die katholische Kirche in Deutschland in nicht unwesentlichem Umfange durch als Steuern bezeichnete Abgaben aller Bundesbürger finanziert. Auf das Gesicht des katholischen Pfarrers in meiner Gegend bin ich gespannt, wenn ich ihm ab kommenden Jahr meine privaten Rechnungen mit der Bitte um Bezahlung vorlegen werde.
In diesem Sinne wünsche ich allen für 2011 einen (esoterisch) ungestörten Rundfunkempfang.
(wr/dvpj)