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Leben und Meditieren - ohne Meister

"Zen-Weg: Achtsamkeit im Alltag-ohne Meister"

Autor bekannt/08.08.2008


Hallo!

Ich bin Zen- Aussteigerin,  habe mich im allgemeinen aus der „buddhistischen Szene“ zurückgezogen. Ich habe viel mitgenommen und praktiziere auf meine Weise weiter , aber ohne Psychospielchen eines buddhistischen Lehrers. Ich möchte jetzt einiges schildern von meiner zenbuddhistischen Erfahrung, die sich meiner Meinung nach in weiten Teilen auf die meisten buddhistischen Schulen übertragen lässt, denn ich habe auch im Vipassana praktiziert und habe näher Menschen gekannt, die im tibetischen Buddhismus an einen Lehrer/Guru gebunden waren. Gerade dort  ist die Idealisierung des Gurus auch besonders stark ausgeprägt. Ich möchte Einblicke in die buddhistische Lehre geben, die meiner Meinung nach einen Machtmissbrauch durch den Lehrer geradezu herausfordert. Als Information: Ich bin fast 38 Jahre alt und habe sieben Jahre buddhistische Meditationserfahrung. Die letzten zwei Jahre habe ich mich dem Soto-Zen zugewandt.

Jetzt zu meiner Kritik:

Ich frage mich,  auf welchen Fakten es beruht, dass es „erleuchtete Menschen“ geben soll. Ist das nicht auch nur wieder eine weitere Verblendung des menschlichen Geistes? Ich habe auf jeden Fall noch keinen „Meister“ getroffen, der fehlerfrei gewesen wäre. Nicht dass das ein sog. "erleuchteter Meister" von sich behaupten würde. Oh nein, so leicht lässt er sich dann doch nicht durchschauen. Aber im Laufe der Praxis wird man schon belehrt, was man von seinem "Zen-Lehrer" und "Zen-Meister" zu halten hat. Stück für Stück wird einem diese Haltung und die Haltung zum gesamten Leben eingetrichtert. Ich werde das in meinem Aussteigerbericht näher beschreiben. Es wäre hilfreicher, den Buddhismus von unabhängigen Buddhismusforschern lehren zu lassen, denn die sog. "Meister" werden zu "Meistern" ernannt und in der Regel bilden sie sich darauf ganz schön viel ein und da beginnt auch schon das Problem: Meister werden von ihren Schülern idealisiert und Meister suhlen sich zumeist gern in dieser Idealisierung.

Die hochgelobte Gemeinschaft der Praktizierenden im Buddhismus beruht, nach meiner Erfahrung, auf einer gemeinsamen Ideologie, aber nicht auf einer wirklichen menschlichen Ebene. Das macht sich darin bemerkbar, dass jede Kritik an der Lehre oder am Lehrer kritisch beäugt wird und eine sofortige Distanzierung bis hin zu aggressiven Äußerungen, natürlich ganz unterschwellig, oder Ignoranz des Schülers, nach sich zieht. Ich zitiere einen weiteren Zen-Aussteiger X, der einen Artikel dazu im Internet veröffentlicht hat: „Die spirituelle Freundschaft endet sofort, wenn man offen von der gemeinsamen Ideologie abweicht.“

Die Lehre des Zen ist fadenscheinig, da sie einem erst als ganz nüchterne , bodenständige Meditationspraxis verkauft wird, aber um so tiefer ich mich auf die Zen-Übungen und auf einen Zen-Lehrer einlasse, um so mehr wird die Unterminierung des Selbstvertrauens, durch unterschwellige Manipulationen des Lehrers, dem im Zen ganz selbstverständlich Respekt gebührt, voran gebracht. Das Vertrauen des Schülers zum Lehrer wird missbraucht, in dem der Schüler mit Zuckerbrot und Peitsche klein gehalten wird . Kritische Fragen des Schülers werden belächelt und als „begrenzten Geist“ ausgelegt, schweigen wird mit Integration in die Gruppe belohnt.
Dem Schüler wird vermeintliche Freiheit und eigenständige Persönlichkeitsentwicklung nur vorgegaukelt, denn eigentlich ist es im Zen und im Buddhismus im Allgemeinen der Lehrer/Guru, der mir den „richtigen Weg“ weist. Dieser Weg ist für alle Schüler der Gleiche. Eigenständiges Denken ist unerwünscht, der Lehrer hat das Sagen und bestimmt in welchen Bahnen das Denken zu verlaufen hat.
Dazu Zen-Aussteiger X , Zitat: „ Aus psychologischer Sicht läuft der unkritische Glaube an eine absolute Autorität , die unangreifbar von rationalen Argumenten ist, der Entwicklung des Selbst zuwider, weil hierdurch die Eigenverantwortung aufgegeben und an eine andere Instanz übergeben wird. Eine Lehre die absolutes Vertrauen einfordert bei gleichzeitiger Unterminierung des Selbstvertrauens der Praktizierenden, kann keine taugliche Basis für persönlichen Fortschritt sein.“ (Zitat Ende).

Nach meiner Erfahrung treten diese geschilderten Mechanismen auch in anderen buddhistischen Gruppierungen auf. So bald ein Lehrer/Guru verehrt wird, sind kritische Anmerkungen oft unter Schülern, aber auch beim Lehrer selbst, nicht mehr erwünscht.

Dies muss einen auch nicht wundern, denn schließlich ist so ein Umgang mit den Schülern im Buddhismus selbst verankert. So wird einem Einsteiger oft mitgeteilt, Buddha hätte gesagt, dass man „alles selber prüfen solle“, was einem erzählt würde. Aber, dass man es solange prüfen soll, bis man zu dem Ergebnis Buddhas gekommen ist -und dass es von Buddha (Siddharta Gautama) als „Zweifelssucht“ angesehen wird, eines der fünf „Geistesgifte“, wie er sie nennt, wenn man nicht zu seinem Ergebnis kommt, das erfährt man erst, wenn man schon längst  abhängig von der buddhistischen Lehre und der Gemeinschaft geworden ist.
Zitat aus :“Die Religion des Buddhismus/Sammlung Gösch 1963/Dr. Schlinghoff:“…aber der Buddha konnte sogar hart und unfreundlich werden, wenn er dadurch Zweifler überzeugen vermochte. Die Kritik an einer solchen Barschheit wird durch das Gleichnis zum Verstummen gebracht, dass ja auch ein Vater seinen Sohn heftig schlägt, wenn er ihn dadurch von einem geschluckten Fremdkörper befreien kann. Aus Mitleid setzt der Buddha jedes Mittel ein, um seine Lehre zu verbreiten.“ Übersetzt auf die Praxis bedeutet das: Der Fremdkörper ist das eigenständige Denken und die Kritik.


Ein weiterer Kritikpunkt ist der Kern der Lehre, in der es ums „Loslasssen“ geht. Mein Zen-Lehrer hat immer wieder seinen Kopf aus der Schlinge gezogen, indem er sagte: „das war eben, jetzt ist jetzt.“. Das bedeutete für ihn, dass er sich als Lehrer jede Unverschämtheit herausnehmen durfte, da ja Buddha schon sagte: „Die Vergangenheit ist vergangen und die Zukunft noch nicht da.“ So wurde mit allen Mitteln versucht das sog. „Ego“ zu brechen, der Mensch unter Druck gesetzt sein ganzes Leben unter Zazen (Sitzen in Versenkung) zu stellen, aber wenn man sich versucht hat dagegen zu wehren, wurde einem wieder einmal klar gemacht, wie unerleuchtet man doch sei, da man sich an längst vergangene Augenblicke festhielte. So kommt dem Lehrer eine Macht zu, den Schüler zu vernichten, seine Selbstachtung zu zerstören, ohne dass der Schüler es wagt, sich dagegen zu stellen, da ihm ja indoktriniert wurde, er sei auf seinem Weg nur noch nicht soweit, sich solche Behandlung gefallen zu lassen. Was folgt sind: Weitere Sessions (mehrere Stunden Meditation am Stück), tiefere Arbeit an sich selbst, was in diesem Zusammenhang bedeutet, alle Wünsche, Einstellungen, Standpunkte fallen zu lassen, noch mehr Zweifel, noch mehr Tränen, noch mehr Zen. Was herauskommt: Ein gebrochener Mensch, der sich völlig aufgibt, sein Leben ans Kissen verschwendet und sich völlig demütig und kritiklos aller Ungerechtigkeit und Demütigung unterwirft.

Körperliche Schmerzen, psychische Leiden werden als abzutragendes Karma angesehen, als etwas, was man sich selbst geschaffen hat, durch schlechte Taten im vorigen Leben, was dazu führt, dass oftmals nicht echtes Mitgefühl entsteht, sondern abschätziges Mitleid. Durch die Meditationspraxis bekommt man die Chance sein Karma aufzubessern, dies führt dazu, dass man sich nie gut genug fühlt und bei Menschen, die dieses Religionsverständnis übernommen haben, kann sich eine regelrechte „Meditationssucht“ einstellen. Und wenn sich schließlich Glücksgefühle einstellen, man Farben intensiver wahrnimmt, die Welt in schärferen Umrissen sieht und sich noch weitere angenehme und ungewöhnliche Symptome einstellen, wird einem das als ein „Erleuchtungserlebnis“ verkauft, was aber leider nichts anderes ist, als das Endorphine ausgeschüttet werden, körpereigene Drogen als Folge von totaler Überanstrengung durch stundenlange, manchmal auch tagelange Meditation, die den Übenden in einen Rauschzustand versetzt. „Sessionhigh“ wird das von Aussteiger X genannt. Das wiederrum führt dann zur Festigung der „Meditationssucht“, denn man möchte diesen Zustand  immer wieder erleben und zieht sich damit immer mehr aus dem Alltagsgeschehen zurück. Dass es sich nur um einen kurzen Rausch handelt, sieht man daran, dass er, nach dem man ausgeschlafen hat, wieder abflaut.

Zweifelsfrei lernt man durch Zen seinen Geist kennen, man ist zufrieden mit sich selbst, wenn man meditiert und in sich ruht. Das ist ein angenehmer Nebeneffekt der buddhistischen Meditation. Aber der Zenweg in Begleitung eines Lehrers, wie es vorgesehen ist, kann sehr gefährlich sein und mancher Meister ist wahrscheinlich verblendeter, als er es wahrhaben will.

Ein weiterer Aspekt meiner Kritik:

Wenn man Zen und Buddhismus, wie ich, einige Jahre praktiziert, denkt man, man hat sich von allen Werturteilen getrennt. Denn das ist eine ganz wesentliche Übung: Alles mit Mitgefühl zu betrachten und nicht zu bewerten. Man merkt kaum, wie schleichend man langsam ein ganz neues Wertesystem ,nämlich das buddhistische, verinnerlicht hat. So ist es selbstverständlich, dass man im Buddhismus hilft wo man kann und niemand bedankt sich bei dem anderen, erstrecht nicht der Lehrer. Nein im Gegenteil, ich sollte dankbar sein, dass ich dem Lehrer helfen darf, denn das gibt extra „Karmapunkte“. (ist jetzt mal etwas schnippisch mein Wortlaut). Das was schlichtweg „Ausnutzung“ ist, wird in „selbstloses Dienen“ umbewertet. Ich habe von Menschen gehört, die im Westen in tibetischen Restaurants arbeiten und aus diesem Grund total unterbezahlt werden. Da ich von Natur aus ein sehr hilfsbereiter Mensch bin, habe ich mich natürlich in dieser Weise auch kräftig ausnutzen lassen.
Auch hier wieder, wirst Du belächelt, wenn Du mal keine Zeit hast oder kriegst dumme Sprüche vor den Latz. So wird man unterschwellig dazu gedrängt, sich Zeit zu nehmen, die man eigentlich für private Dinge, die man selbst auch für wichtig hält, hinten an zu stellen und für den Lehrer und die Gruppe „selbstlos“ zu arbeiten. So ordnet man sich immer mehr den Launen des Meisters und des Zen unter. So wird das Leben Stück für Stück umgekrempelt und man hat immer weniger Zeit für private Dinge, wie Freunde treffen; Familie usw. Immer wichtiger wird das Zendo (Ort der Übung) und die Meditation. Und so wird ganz langsam ein Abhängigkeitsverhältnis zur Gruppe und zum Lehrer/Guru geschaffen und ein Rückzug von der Außenwelt vollzogen. Die Wertewelt des Buddhismus gilt, nichts anderes. Die Menschen im Umfeld fangen ebenfalls an sich zurückzuziehen, weil der Schüler nur noch buddhistische Standpunkte bezieht (er selber hält sich aber für konzeptlos), die keiner mehr verstehen kann, es beginnt sich eine Parallelwelt aufzubauen.

Nicht zu unterschätzen ist auch der Glaube der Buddhisten an mehrere Leben. Am Anfang des Praktizierens, wird einem gesagt, es wäre völlig piepe,  ob man daran glaubt oder nicht, trotzdem wird man immer wieder unterschwellig daraufhin getrimmt, schließlich doch die Wahrheit darin zu sehen.

Meine Kritik richtet sich aber noch auf etwas anderes, in diesem Zusammenhang und zwar:
Wenn man nur an ein Leben glaubt, wie ich das tue, ist der innere Druck den man aufbaut das verkündete Ideal eines mitfühlenden Menschen zu erreichen viel, viel höher, als bei Menschen die glauben dass sie mehrere Leben Zeit dafür haben. Auch diese setzen sich schon unter Druck, aber der Druck wird dadurch eben noch erhöht. So ist es eigentlich gar nicht möglich wirklich ernsthaft zu praktizieren,  wenn man Christ oder Atheist ist, da man einfach für diese geballten Ansprüche des Zen keine Zeit hat, so kurz wie das Leben in meinen Augen ist. So wird man natürlich auch irgendwann mürbe und ist bereit eine Religion zu übernehmen, die man vorher abgelehnt hat.
Die Missionierung im Buddhismus findet statt, auch wenn das immer wieder gerne abgestritten wird! Ein Buddhist hat einfach auch mehr Zeit zu missionieren, als jemand der nur an dieses eine Leben glaubt. Sie ist aber trotzdem nicht immer weniger penetrant. Aus Gründen die ich schon genannt habe (Karma) wollte ich nie Buddhist werden. Mir gefällt einfach dieser Glaube nicht. Ich finde ihn überflüssig für die westliche Kultur, es reicht Mitgefühl in sich zu entfalten, der Glaube ans Karma behindert das oft, weil er wie gesagt oft Mitleid statt Mitgefühl in den Menschen schürt. Mir wurde am Anfang gesagt, dass man das akzeptiert würde. Aber leider wurde ich auch hierin getäuscht: Um so länger ich dabei war, um so größer wurde auch der Druck auf mich ausgeübt, in den Bahnen eines „religiösen Buddhisten“ zu denken.

Aus dem „absichtslosen, bodenständigem, nüchternen Sitzen“, wie es einem am Anfang verkauft wird, wird ganz schleichend und subtil „ das wahre“ und „richtige Zen“ oder: Der „einzig richtige Weg“ im Buddhismus , die „richtige Weise“ zu denken. Ein sektiererischer Kult.
Zen-Aussteiger X sagt richtig: „Es folgt ein ideologischer Überbau, der über das „Sitzen“ gestülpt wird. Wird Kritik geäußert erfolgt wiederum der Rückzug zur Aussage: „Zen sei doch „nur Sitzen““ (Zitat Ende ).


Die Zen-Übung , so wie ich sie verstehe, ist durchaus ein Mittel, mit schwierigen Lebenssituationen und Gefühlen umzugehen. Ich habe viel aus dem Zen mitgenommen und vieles werde ich sicherlich noch gerne in meinen Alltag mit einfließen lassen. Wie sehr ich der Gedankenkontrolle erlegen bin, wird sich erst im Laufe der Zeit herausstellen und vielleicht werde ich mich noch von einigen Dingen, die ich von dort übernommen habe, trennen, das wird sich zeigen.

Was mir richtig gut tut ist, das ich von nun an wieder selbst bestimme, was „gut“ und „richtig“ für mich ist. Ich lebe das sehr bewusst und möchte mich nie wieder von einem Lehrer und einer Lehre versklaven lassen. Ich bin ein freier Mensch und muss nicht erst einer werden, in dem ich mein Leben mit Meditationsseminaren vergeude. Die Zen-übung, die ich noch praktiziere, hilft mir, präsent zu sein, für mich selbst, aber auch für andere auf dieser Welt. Sie hilft mir in Kontakt zu sein, aber dazu brauche in keine Gruppe und keinen Lehrer, der mich dazu bringt, mich von meiner Umwelt zurückzuziehen und keine Ideologie, die dazu führt, mich letzendlich von Nicht-Buddhisten zu entfernen. Ich möchte weinen, lachen und auch mal lästern, ohne gleich ein schlechtes Gewissen zu haben. Kurz: Ich bin froh, wieder „Ich“ zu sein und mir zu erlauben meine Vielfältigkeit zu leben.

Der Ausstieg ist mir trotzdem  sehr schwer gefallen, weil es eben auch eine Menge Positives dort gab und so lebe ich heute, ein Jahr später, immer noch in einer „inneren Zerrissenheit“, die mich auf der einen Seite in die Zen-Gruppe und zum Lehrer zieht, auf der anderen Seite aber auch in der wieder gewonnenen Freiheit hält, wenn ich mich an die derart manipulativen Psychotechniken, die im Zen angewandt wurden, erinnere. Beonders schwer fand ich es am Anfang des Ausstiegs zu unterscheiden: Was denke ich wirklich und was habe ich nur indoktriniert bekommen?

Auch wenn das schlechte Gewissen sich ab und an immer noch meldet, da sich in mir durch diese Psychomanipulation Ideale aufgebaut haben, an die nie heranzukommen ist, da ich ein Mensch und kein Heiliger bin- und die indoktrinierte Ideologie natürlich noch nicht ausgewischt ist. Das möchte ich auf keinen Fall wieder leben!
Soweit man das überhaupt „leben“ nennen möchte, ich war ja eher ferngesteuert! Die Erinnerung daran, aber auch die wieder gewonnene Freiheit einfach Ich selbst zu sein, zu leben und zu erleben, was die Welt mir bietet, zu spüren, was ich bin und wer ich bin, mein Leben frei zu gestalten, das hilft mir durchzuhalten!

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