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Psychische Illusionen

Über Böcke und Schafe: Wer glaubt was und warum?

Susan Blackmore / Entnommen: "Mein paranormales Fahrrad" v. Gero von Randow (Hg.) / 16.08.2009


1. Illusionen von Zusammenhang
2. Kontrollillusionen
3. Illusionen von Ordnung und Zufälligkeit
4. Illusionen von Form
5. Illusion der Erinnerung  


Warum glauben so viele Menschen an übersinnliche Phänomene? Weil sie übersinnliche Erfahrungen machen. Und warum machen sie übersinnliche Erfahrungen? Weil derartige Erfahrungen die unausweichliche Konsequenz unserer Art zu denken sind. Meiner Meinung nach sind sie, ebenso wie optische Täuschungen, der Preis, den wir für eine im allgemeinen sehr effektive Beziehung zu einer im höchsten Maße komplexen Welt zahlen.

Laut einer Gallup-Umfrage (Gallup und Newport 1991) glaubt etwa ein Drittel aller Amerikaner an Telepathie, und ungefähr ein Viertel behauptet sogar, selbst schon eine derartige Erfahrung gemacht zu haben. Persönliche Erfahrungen mit Hellseherei und Psychokinese wurden zwar nicht so häufig genannt, dennoch sind auch hier die Zahlen sehr hoch und gegenüber früheren Untersuchungen keineswegs rückläufig. Diese Umfrageergebnisse entsprechen in etwa den Resultaten älterer Erhebungen und gleichen ihnen auch insofern, als nach wie vor als häufigste Begründung für den Glauben an das Übersinnliche die persönliche Erfahrung angegeben wird (Palmer 1979; Blackmore 1984).

Unter einer «übersinnlichen Erfahrung» soll im folgenden jedwede Erfahrung verstanden werden, die nach Ansicht der betroffenen Person nur unter Heranziehung des Übersinnlichen oder Paranormalen erklärbar ist. Dabei soll die Frage, ob eine derartige Hypothese überhaupt erforderlich ist, völlig außer acht gelassen werden. Vielmehr wollen wir uns um ein Verständnis bemühen, wie es zu derartigen Erfahrungen kommt.

Meine Hypothese lautet, übersinnliche Erfahrungen sind mit optischen Täuschungen vergleichbar. Die Erfahrung mag zwar real sein, ihr Ursprung aber liegt in geistigen Vorgängen und nicht in irgendwelchen Eigentümlichkeiten der wahrnehmbaren Welt. Ähnlich wie optische Täuschungen gehen diese Erfahrungen zurück auf kognitive Prozesse, die für gewöhnlich verläßliche Ergebnisse liefern, unter bestimmten Umständen jedoch zu falschen Antworten führen. Mit anderen Worten, sie sind ein Preis, den wir für den Gebrauch einer effizienten Heuristik zu zahlen haben.

Im Bereich des Sehens ergeben sich Täuschungen beispielsweise dann, wenn wir in zweidimensionalen Figuren Tiefe zu sehen meinen und uns Konstanzmechanismen die Antwort geben, die für wirkliche räumliche Tiefe zutreffend wäre. Ein ähnliches Beispiel aus dem Bereich übersinnlicher Erfahrungen wäre etwa die Täuschung, eine vermeintlich vorhandene Ursache erfordere eine Erklärung. Anders ausgedrückt handelt es sich bei übersinnlichen Erfahrungen um Kausalitätstäuschungen. Ich möchte dies im folgenden an fünf Arten von Täuschungen näher erläutern.


1. Illusionen von Zusammenhang

Erfahrungen mit Telepathie, Hellsehen und Präkognition beinhalten jeweils ein Zusammentreffen von Ereignissen, eine sogenannte Koinzidenz, die «zu unwahrscheinlich ist, um nur zufällig sein zu können». Zum Beispiel, wenn eine Person vom Tod eines anderen träumt und dieser binnen weniger Stunden stirbt; wenn jemand den Drang verspürt, seinen Partner vom Bahnhof abzuholen, wo dieser dann auch wirklich nach einer Panne auf Hilfe wartet; oder wenn man auf ein Außenseiter-Pferd setzt, das später ein Rennen gewinnt.

Während manche Menschen derartige Ereignisse mit der Bemerkung abtun, dies sei schlicht bloßer Zufall, behaupten andere, das könne eben jener nicht sein. Letztere werden dann nach einer kausalen Erklärung für die Koinzidenz suchen. Können sie keine Erklärung finden, werden sie möglicherweise eine «Ursache», wie etwa außersinnliche Wahrnehmung, heranziehen oder auf irgendeine Art nonkausaler, aber sinnvoller Zusammenhänge wie etwa C. G.Jungs «akausales Synchronizitätsprinzip» (Jung 1990) zurückgreifen.

Dabei kann der Mensch auf zwei Arten von Fehleinschätzungen verfallen. Zum einen besteht die Gefahr, daß man Ereignisse, die miteinander in Zusammenhang stehen, als bloße Zufälle abtut und es dadurch versäumt, nach Erklärungen für vorhandene Zusammenhänge zwischen den Ereignissen zu suchen; und ebensogut kann es sein, daß man zwischen zufälligen Ereignissen eine Verbindung sieht und nach Erklärungen sucht, obwohl keine erforderlich sind. In der realen, durch unzureichende Information und komplexe Interaktion geprägten Welt können beide Arten der Fehleinschätzung vorkommen. Dabei sind es mutmaßlich Fehleinschätzungen der zweiten Art, die Anlaß zu Spekulationen über Erfahrungen von außersinnlicher Wahrnehmung geben.

Und umgekehrt sind es wohl vor allem Personen, die an das Paranormale glauben (im Psychologenjargon auch «Schafe» genannt), die eher zu Fehleinschätzungen der letztgenannten Art neigen, im Gegensatz zu denen, die nicht an das Paranormale glauben (sogenannte «Böcke»).

Eine Voraussage auf der Grundlage dieses Ansatzes lautet also, daß die Wahrscheinlichkeit für übersinnliche Erfahrungen bei Personen, die häufiger nach Erklärungen für Zufälle suchen, größer ist. Das hieße, «Schafe» dürften die Wahrscheinlichkeit von Zufällen unterschätzen. Tom Troscianko und ich (1985) kamen tatsächlich zu dem Ergebnis, daß Schafe bei einer Reihe von Wahrscheinlichkeitsaufgaben schlechter abschnitten als Böcke.

Bei einem Test ließen wir die Versuchspersonen beispielsweise am Computer Münzen werfen - Kopf oder Zahl - und vorher raten, wie viele Zufallstreffer sie wahrscheinlich erzielen würden. Die richtige Antwort, nämlich zehn Treffer bei zwanzig Versuchen, scheint recht offensichtlich zu sein. Dennoch lagen Böcke mit einer durchschnittlichen Trefferschätzung von 9,6 deutlich näher am richtigen Wert als Schafe mit einem Schnitt von 7,9.


2. Kontrollillusionen

In Fällen, wo die Koinzidenz in der Handlung einer Person und einem externen Ereignis liegt, sind möglicherweise dieselben Mechanismen im Spiel, mit dem Unterschied, daß es sich nun bei der vermeintlichen Ursache um vermeintliche persönliche Kontrolle handelt! Im Zusammenhang mit Psi spricht man dann von Psychokinese. Langer (1975) bezeichnet dieses Phänomen als «Kontrollillusion». Bei einer Psi-Aufgabe neigten Schafe nachweislich eher zu dieser Art von Einbildung als Böcke (Ayeroff und Abelson 1976; Jones et al. 1977; Benassi et al. 1979).

Man könnte nun ins Feld führen, daß dann, wenn Psychokinese bei derartigen Aufgaben auftritt, die Wahrnehmung von persönlicher Kontrolle keine Täuschung sein kann. Dies ist jedoch wenig wahrscheinlich, insofern in diesen Experimenten überhaupt keine Psychokinese auftrat. Um auch diese Erklärungsmöglichkeit für die beobachtete Differenz auszuschließen, bedienten wir uns einer kaschierten Psi-Aufgabe. Obgleich bei diesem Experiment keinerlei Beweis für Psychokinese vorlag, neigten auch in diesem Fall Schafe weit mehr zu der Illusion von Kontrolle als Böcke.


3. Illusionen von Ordnung und Zufälligkeit

Ordnung und Zufälligkeit können nicht eindeutig unterschieden werden. Ist eine Reihe von Geschehnissen nur lang genug, kann darin jede Geschehniskombination oder Geschehnisfolge durch Zufall auftreten. Dennoch ist das Extrahieren einer Ordnung aus dem vorhandenen Reizangebot ein wesentlicher Bestandteil aller sensorischen Prozesse. Genau wie bei Koinzidenzen können auch in diesem Bereich zwei Arten von Fehleinschätzungen auftreten. Die erste besteht darin, eine vorhandene Ordnung nicht zu erkennen, wohingegen die zweite Fehlerart darin liegt, daß man eine Ordnung zu erkennen meint, die nicht vorhanden ist. Wir behaupten auch hier, daß Menschen sich aufgrund der letztgenannten Art von Fehleinschätzungen dazu veranlaßt sehen, nach Ursachen zu suchen, wo keine sind, und möglicherweise zu paranormalen Erklärungen zu greifen.

Hieraus läßt sich die Vorhersage ableiten, daß Menschen, die dieser Art von Fehleinschätzung unterliegen, mit hoher Wahrscheinlichkeit übersinnliche Erfahrungen haben (oder Erfahrungen, die sie für übersinnlich halten) und daher an das Paranormale glauben.

Bekanntermaßen ist der Umgang mit Zufälligkeiten nicht gerade die Stärke des Menschen. Probanden, die beispielsweise aufgefordert werden, eine Zufallszahlenreihe zu bilden (subjektive Zufallsgenerierung), wiederholen in der Regel einzelne Zahlen weit seltener, als nach Zufall zu erwarten wäre (vergleiche hierzu die Untersuchungen von Budescu 1987 und Wagenaar 1972). Dies ist mit dem «Gambler's Fallacy» (Trugschluß des Spielers) verwandt, der in der Annahme besteht, auf eine lange Serie von Rot müsse Schwarz folgen.

Eine Beziehung zum Glauben an das Paranormale wurde von uns anhand von drei Experimenten getestet. Die subjektive Zufallsgenerierung wurde mit Hilfe eines Telepathie-Experimentes untersucht, bei dem die Probanden zwischen fünf Symbolen zu wählen hatten. Dabei wiesen Schafe deutlich weniger Wiederholungen auf als Böcke. Versuchspersonen, die hinsichtlich ihrer Psi-Gläubigkeit zwischen den Schafen und Böcken lagen, wiesen einen Zwischenwert an Wiederholungen auf.

In einem zweiten Experiment wurde subjektive Zufallsgenerierung anhand der Nachahmung von Würfelwürfen (6 Alternativen) getestet. Auch hier derselbe Effekt. Im dritten Experiment schließlich wurden die Probanden mit Würfelsequenzen einer jeweils unterschiedlichen Anzahl von Wiederholungen konfrontiert und gefragt, welche davon ihrer Meinung nach wahrscheinlich als erste durch Zufall auftreten würde. Obwohl alle Augenfolgen selbstverständlich gleich wahrscheinlich waren, gab es Probanden, welche die Augenfolge mit den bisher wenigsten Wiederholungen wählten. Zu dieser Gruppe zählten deutlich mehr Schafe als Böcke, wobei die Zwischengruppe auch wieder zwischen beiden lag. Diese Testergebnisse scheinen in hohem Maße konsistent zu sein und die erwartete größere Befangenheit von Schafen zu belegen.


4. Illusionen von Form

Bei der Objekterkennung können die bereits mehrfach genannten zwei Arten der Fehleinschätzung ebenfalls auftreten. Dabei beschränkt sich ein konservatives Verhalten auf das Nichterkennen vorhandener Formen, wohingegen ein weniger zurückhaltendes Verhalten auch das Erkennen nicht vorhandener Formen einschließt. Möglicherweise ist bei Personen, die zum Sehen nicht vorhandener Formen neigen, auch eine Neigung zum Sehen von Erscheinungen oder Geistern oder zum Rückgriff auf paranormale Erklärungen vorhanden.

Die Klärung dieser und einer damit zusammenhängenden Frage war Gegenstand eines Experimentes, das von Catherine Walker an der Bristol University durchgeführt wurde. Die Frage war folgende: Falls Schafe im Vergleich zu Böcken eine größere Bereitschaft zur Formerkennung in verzerrten Abbildungen an den Tag legen — handelt es sich dabei dann um eine Fehleinschätzung, oder neigen Böcke eher dazu, vorhandene Formen nicht zu erkennen ?

Fünfzig Versuchspersonen erhielten die Psi-Gläubigkeitsskala und eine Identifizierungsaufgabe. Die Stimuli bestanden aus vier Gruppen von jeweils sieben Bildern, die von kaum erkennbaren Klecksen bis zu deutlich konturierten Formen reichten, am Ende zwei Blätter, ein Vogel, ein Fisch und eine Axt. Die Bilder wurden den Probanden jeweils zehn Millisekunden lang gezeigt, voneinander abgesetzt durch eine Zwischeneinblendung schwarzer Punkte auf weißem Grund. Beginnend mit den vier am wenigsten erkennbaren Stimuli wurden die Probanden nacheinander mit der Bilderserie konfrontiert, wobei die vier zu jeder Gruppe gehörenden Bilder in zufälliger Anordnung gezeigt wurden. Die Versuchspersonen sollten dann angeben, ob sie irgendeine Form sehen können, und wenn ja, welche.

Die Voraussage lautete, im Verlauf der Präsentation würden Schafe früher als Böcke behaupten, Formen zu sehen, ohne diese allerdings mit größerer Genauigkeit identifizieren zu können. Mit anderen Worten, sie würden ein niedrigeres Identifizierungskriterium an den Tag legen. Diese Voraussage wurde durch das Experiment voll und ganz bestätigt. Die nach der Psi-Gläubigkeitsskala ermittelten Werte korrelierten zwar nicht mit der Anzahl korrekt identifizierter Bilder, jedoch sehr genau mit der Anzahl nicht korrekter Identifizierungen und der Neigung zum Sehen einer Form, ohne sie genau identifizieren zu können. Anders ausgedrückt, die Schafe neigten zwar stärker zu falschen Vermutungen, schnitten aber beim Erkennen der vorhandenen Bilder keineswegs schlechter ab. Demgegenüber waren Böcke zwar ebenfalls bereit, das Vorhandensein einer Form zuzugeben, sie verhielten sich jedoch mit Vermutungen darüber, was diese Form darstellen könnte, wesentlich zurückhaltender als Schafe.

Dies bestätigt, daß Schafe eher zu der Behauptung neigen, sie sähen in vieldeutigen Stimuli Formen. Hierfür gibt es allerdings eine Vielzahl möglicher Gründe. So könnte beispielsweise die Kreativität mit dem Glauben an das Paranormale und der Tendenz zur Formwahrnehmung korrelieren. Doch unabhängig von den Ursprüngen dieser Tendenz stimmen die Versuchsergebnisse mit der Annahme überein, daß der Glaube an das Paranormale bei Personen, die stärker zur Formerkennung an sich vieldeutiger Stimuli neigen, einen günstigen Nährboden findet.


5. Illusion der Erinnerung

Zusätzlich zu den oben beschriebenen Prozessen kann eine selektive Erinnerung dazu beitragen, daß die Häufigkeit von Koinzidenzen weit höher eingeschätzt wird, als sie in Wirklichkeit ist. Hintzman, Asher und Stern (1978) belegten die selektive Erinnerung an sinnvoll zusammenhängende Ereignisse. Fischhoffund Beyth (1975) wiesen nach, daß Menschen sich an ihre früheren Voraussagen falsch erinnern, um sie mit dem wirklichen Geschehen in Übereinstimmung zu bringen.

Man könnte nun eine Prognose wagen, derzufolge Menschen, bei denen eine besondere Neigung zu derartigen Erinnerungsmanipulationen vorhanden ist, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zu paranormalen Erklärungen neigen und mithin für übersinnliche Erfahrungen anfällig sind. Falls diese Voraussage stimmt, müßte diese Neigung zu Erinnerungsmanipulationen bei Schafen häufiger anzutreffen sein als bei Böcken. Eine wissenschaftliche Untersuchung dieser These steht allerdings noch aus.

Die Beliebtheit von Wahrsagern könnte ebenfalls bis zu einem gewissen Grad mit selektiver Erinnerung zusammenhängen. Das selektive Erinnern an sinnvolle Koinzidenzen sowie zutreffende Aussagen über die Person tragen zu dem sogenannten Barnum-Effekt bei, das heißt zu der Tendenz, bestimmte Arten von Persönlichkeitsdeutungen ausschließlich auf sich und nicht auf andere zu beziehen (Dickson und Kelly 1985). Falls dem so wäre, dürften wir daraus schließen, daß Menschen, die Wahrsager aufsuchen, mehr zu dieser Art von selektiver Erinnerung neigen. Diese Frage soll im Rahmen eines derzeit an der Bristol University laufenden Projektes geklärt werden.

 

Wir haben nun fünf Arten von psychischen Illusionen erörtert, welche möglicherweise die Grundlage für eine Vielzahl spontaner übersinnlicher Erfahrungen bilden, die ihrerseits zum Glauben an das Paranormale führen. Gestützt wird diese Hypothese durch die Tatsache, daß die Neigung zu vielen derartigen Illusionen unter Schafen weit häufiger anzutreffen ist als unter Böcken.

Dieser Befund ist weniger als Beweis gegen das Auftreten paranormaler Phänomene zu verstehen. Vielmehr läßt sich daraus die Schlußfolgerung ableiten, daß man unabhängig vom tatsächlichen Auftreten paranormaler Phänomene ein häufiges Vorkommen übersinnlicher Erfahrungen und einen weitverbreiteten Glauben an das Paranormale erwarten darf.

Der Mensch muß bei dem Versuch, sich seine Welt plausibel zu machen, unweigerlich Fehler begehen — das war unsere Grundannahme. Er übersieht Dinge, die vorhanden sind, und erfindet sie, wo sie nicht sind. Dies trifft auf einfache Signale ebenso zu wie auf komplizierte Zusammenhänge, und auf wissenschaftliche Theorien ebenso wie auf Wahrnehmungstheorien.

Im Alltag wäre die Entsprechung zu einem Schaf jemand, der in allem und jedem etwas Interessantes findet. Das Problem solcher Menschen ist, möglicherweise Dinge und Zusammenhänge zu sehen, die gar nicht vorhanden sind. Das Pendant zu einem Bock ist jemand, der, um überhaupt etwas zu sehen oder zu erfahren, zunächst eine Menge Beweise benötigt. Bedauerlicherweise entgeht diesen Menschen dadurch jede Menge Spaß.

Auf die Wissenschaft übertragen entspräche dem Schaf ein Typus von Wissenschaftler, der sofort jede auch noch so abwegige Theorie aufgreift und jeder auch noch so schwachen, am Ende gar falschen Spur folgt. Den Böcken wiederum entspräche ein Wissenschaftlertypus, der verschrobene Theorien grundsätzlich links liegen läßt und sich statt dessen lieber an das Herkömmliche und Bewährte hält. Diese Einstellung mag zwar ein gewisses Maß an Sicherheit bescheren, sie setzt ihre Anhänger dadurch jedoch gleichzeitig der Gefahr aus, eine wirklich aufregende neue Theorie ebenfalls nicht als solche zu erkennen.

Man trifft also seine Wahl und hat dafür auch die Konsequenzen zu tragen — Spaß oder Langeweile, Angst vor Fehlern oder der Reiz des Neuen. Wie steht es nun aber mit dem Skeptizismus? Ich bin keineswegs der Meinung, der echte Skeptiker sei mit dem Bock gleichzusetzen. Der echte Skeptiker ist nicht auf die eine Seite des Spektrums fixiert und kann seine Kriterien ändern, wenn die Situation dies erfordert; er steht dem Bock, der alles verneint, ebenso skeptisch gegenüber wie dem alles bereitwillig annehmenden Schaf. Echte Skeptiker sind in der Lage, den jeweiligen Umständen entsprechend ihre Angst vor Lächerlichkeit ebenso zu bezähmen wie ihre Neugier; sie sind je nach Einschätzung der Dinge in der Lage, sich zu hüten oder etwas zu riskieren. Der echte Skeptiker ist somit nicht der Uber-Bock, sondern schon eher so etwas wie ein geflügeltes Pferd.

(Deutsch von Karl-Heinz Gschrey)

 

 

Bibliographie


Gero von Randow (Hg.): "Mein paranormales Fahrrad und andere Anlässe zur Skepsis, entdeckt im `Skeptical Inquirer`", Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1993