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Esoterikboom - warum ?
Wolfgang Rühle / 15.06.2008
Beschäftigt man sich etwas intensiver mit der Frage, warum Esoteriker unterschiedlichster Ausprägung sich eines ungebremsten Zulaufes erfreuen können, gelangt man zwangsläufig zur Frage, welchen Stellenwert der einzelne Mensch in unserer Gesellschaft einnimmt. An welchen Kriterien wird der Einzelne in unserer Gesellschaft gemessen, welche Bedingungen bietet unsere Gesellschaft für die Entwicklung des Einzelnen? Über welche Möglichkeiten verfügt jeder von uns, seine eigenen Interessen und Neigungen mit den gesellschaftlichen Anforderungen in Einklang zu bringen, seinen Alltag einigermaßen zufriedenstellend zu gestalten.
Die rasante industrielle Entwicklung, deren Globalisierung, die nach wie vor vehement beschleunigt, erfordert zwingend Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen und stellt bisher gängige Vorstellungen darüber immer wieder neu in Frage. Jedoch scheinen die Veränderungen im sozialen Umfeld mit den Veränderungen der industriellen Entwicklung nicht Schritt zu halten.
Die Stellung des Individuums in diesem Prozeß muß neu definiert werden. Bisherige Wertevorstellungen zum Beispiel bezüglich des Familienverbundes werden durch Forderungen nach Flexibilität und Mobilität auf den Prüfstand gestellt, müssen aufgegeben oder zumindest neu gestaltet werden. Die zunehmend zu beobachtende Betrachtung des Einzelnen als "Humankapital" durch Politik und Wirtschaft kann aber mit Sicherheit nicht die Lösung sein. Diese Betrachtungsweise ist nicht nur zynisch und menschenverachtend, sie macht auch deutlich, dass derzeit der Einzelne dem kapitalbildenden Prozess gnadenlos untergeordnet, seine gesellschaftliche Reputation daran gemessen wird.
"In der postfordistischen Phase des Spätkapitalismus wiederhohlt sich die in Krisen- und Umbruchsituationen elementar zutage tretende Konkurrenzsituation, die das Recht des Stärkeren gegenüber dem Schwächeren zur Geltung bringt. Der Schwache wird zum Besiegten, zum Unterlegenen, er scheidet aus der Logik des Marktes aus, weil er den Bedingungen desselben nicht gewachsen ist. Die Ausscheidung erfolgt im freien Fall oder sozial abgefedert, das Ergebnis bleibt sich im Grunde genommen gleich - nicht im materiellen Sinne, jedoch in der Nichtachtung der Würde des Menschen. Doch der Mensch als soziales Wesen hat selbst in seiner individualisierten Daseinsform das unstillbare Bedürfnis nach Zufriedenheit und Glück, nach Zutrauen, Wärme und Geborgenheit nicht verloren." (Thomas Geisen in (1) S. 15)
Diesem Bedürfnis nach Glück, Bestätigung und Geborgenheit, das dem Einzelnen trotz zunehmender Individualiserung eigen ist, ist sowohl durch den Einzelnen selbst als auch durch die Gesellschaft auf neue Art Rechnung zu tragen. Soziale Bezüge sind dazu neu herzustellen, neu zu definieren, müssen ständig neu erarbeitet werden. Von jedem muß die Bereitschaft erwartet und jedem muß die Chance gegeben werden, die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen aktiv mit zu gestalten. Dazu sind durch die Gesellschaft die Voraussetzungen für ein aktives, praktisch wirksames Handeln des Individuums im sozialen Verbund zu schaffen. Gelingt dies nicht, ist dies der Tendenz zur Flucht in eine "vergeistigte", rückwärts ausgerichtete und realitätsfremde Scheinwelt förderlich.
Derjenige, der diesen neuen Anforderungen nicht gewachsen ist oder der aus diesem Prozess der Umgestaltung ausgegrenzt wird , der wird "die Vernünftigkeit des Wirklichen, mit der es nicht mehr so recht stimmt," bei entsprechender persönlicher Disposition eventuell ersetzen durch "hüpfende Tische und Strahlen von Erdhaufen (Adorno 1989, S. 323)" (Thomas Geisen in (1) S. 18/19). Die Wirklichkeit wird zur Scheinwelt uminterpretiert, als Spiegel des eigenen Bewußtseins, was aus Sicht des "Aussteigers" zu gänzlich neuen Möglichkeiten der Gestaltung der "Wirklichkeit" durch alleinige Veränderung des Bewußtseins unter Einfluß des Übernatürlichen und zur "Befreiung" der eigenen Person von den Lasten des Alltags führt - zur Freude und unter aktiver Mitwirkung der Esoteriker aller Schattierungen.
In diesem Irrtum gefangen, gewöhnt man sich an Propheten, Heilsbringer und sonstige Autoritäten, gibt freiwillig seine eigene Entscheidungsfähigkeit ab, verschließt sich rationalen Argumenten - wird williges Opfer des manipulativen Agierens eines mit einem "höheren Bewußtsein" ausgestatteten "Meisters", der "die Wirklichkeit als solche negiert und mit dem Schleier des bloßen Scheins im Dienste einer Übernatürlichkeit" versieht, selbst jedoch "in der Wirklichkeit (wandelt)."(Thomas Geisen in (1) S. 19).
Quellen
1. Gerhard Kern, Lee Traynor: "Die esoterische Verführung", IBDK-Verlag Aschaffenburg-Berlin 1995, ISBN 3-922601-24-3
Weiterführende Literatur/Links
1. Colin Goldner: "Die Psychoszene", Alibri-Verlag 2000, ISBN 3-932710-25-8
2. Holdger Platta: "New-Age-Therapien", Rowohlt Taschenbuch Verlag 1997, ISBN 3-499-602334
3. Martin Lambeck: "Irrt die Physik", Verlag C.H.Beck, ISBN 3-406-49469-2
4. Hogu Stamm: "Achtung Esoterik", Pendo Verlag AG 2000, ISBN 3-85842-388-2
5. Colin Goldner: "Alternative Diagnose- und Therapieverfahren - eine kritische Bestandsaufnahme", Alibri Verlag 2008, ISBN 978-86569-043-2
7. religio