Psychotherapien auf dem Prüfstand |
FARBTHERAPIE | Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche |
Kritik |Bibliographie | |
Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch
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Der Heilpraktiker riet mir dringend zu Bestrahlungen mit der Farblampe daheim. Für die Lichtdusche habe ich ihm viele Scheine hingeblättert, und ich saß schon oft unter dem Grünlichtkegel. Ein wenig ruhiger bin ich geworden, aber eigentlich habe ich mir von der Lichtbehandlung mehr versprochen.
vikas / Farbtherapie
Geschichte und Konzept
HeilerInnen vieler Kulturen haben den Farben erregenden oder beruhigenden Einfluß auf das Gemüt zugeschrieben: Früher betteten chinesische Ärzte Epileptikerinnen auf violette Teppiche und ließen das Licht durch violette Tücher auf sie fallen, um sie zu beruhigen. Ayurvedische Ärzte Indiens lassen Wasser mit Sonnenlicht bescheinen, das durch verschiedenfarbige Gläser fällt, um es heilkräftig aufzuladen. -> AnthroposophInnen kleiden die Wiegen ihrer Kinder mit lachsfarbenen Tüchern aus, um die Babys in wohlige Stimmung zu versetzen.
Wissenschaftlich beschäftigte sich erstmals Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) mit der Wirkung »kalter« oder »warmer« Farbtöne auf die Stimmungslage. In seiner »Farbenlehre« stellte er eine systematische Ordnung der Farben auf. Seit Ende des 19. Jahrhunderts experimentierten ForscherInnen aus Biologie, Medizin und Psychologie mit der Wirkung von Farblicht auf Körper und Gemüt. In den USA und Europa entstanden Zentren, in denen man Farblichtbestrahlung als Heilmittel einsetzte.
Wegen mangelnder Erfolge verlor die Farbtherapie an Bedeutung, doch mit dem Boom der alternativen Heilweisen hat sie im letzten Jahrzehnt neuen Aufschwung bekommen. Anthroposophisch ausgerichtete ÄrztInnen regen PatientInnen zum Malen mit Farben an, bei Meditation und Massagen werden KlientInnen ermuntert, wohltuende Farben zu imaginieren. Farblichttherapie wird vor allem von HeilpraktikerInnen und KosmetikerInnen therapeutisch eingesetzt.
Für die Wirkungsweise der Farben bieten Anwender verschiedene Theorien an, berufen sich auf Goethes Farbenlehre oder auf Max -> Lüschers Farbentest. Manche von ihnen nehmen an, daß Farbschwingungen auf die Körperzellen wie Informationen wirken. Den Farben werden bestimmte Wirkungen zugeschrieben. Angeblich wirkt Rot anregend, Orange aufhellend, Gelb kräftigend, Grün ausgleichend, Blau entspannend und schmerzhemmend, Violett dämpfend. Farblichtlampen sollen diese Eigenschaften übertragen und eine »energetische Regulation« herbeiführen. Die Rezepte dafür kann man den Werbeschriften und Anleitungen der Gerätehersteller sowie den Büchern für Laien entnehmen. Eine Ausbildung in Farbtherapie gibt es nicht.
vikas / Farbtherapie
Therapieablauf
Entkleidet ruht der Klient auf einer Liege. Seine Beschwerden werden mittels -> Pendel oder ->Kirlianfotografie diagnostiziert, dann bestrahlt der Therapeut bestimmte Körperregionen mit der Lichtdusche in der entsprechenden Farbe, oder er beleuchtet mit einer Farblichtstablampe (Farbpunktur) bestimmte Punkteanordnungen auf der Haut. Diese Auswahl soll der Akupunkturlehre (-> Akupressur) entsprechen.
Von der Behandlung spürt man nichts. Sie dauert - je nach Anwender - zwischen fünf und sechzig Minuten und soll üblicherweise mehrfach wiederholt werden.
vikas / Farbtherapie
Anwendungsbereiche
Mit Farblichtherapie nichts zu tun haben Lichtbehandlungen: Die Behandlung mit intensivem weißem Licht zum Beispiel ist eine klinische Therapie gegen Depressionen (-> Endogene Depression), die umstritten ist. Die sogenannte Winter-Depression geht durch Spaziergänge im Sonnenlicht zurück. Starke, helle Lichtreize werden zur Umstellung des Schlafrhythmus eingesetzt. Bestrahlung mit Rot- oder Blaulicht ist Teil der Physikalischen Medizin: Infrarote Strahlen wärmen; ultraviolette Strahlen des Blaulichts dienen der Behandlung der Neugeborenengelbsucht und der Schuppenflechte sowie Gewöhnung der Haut an Sonnenlicht.
Bei negativer Gemütsverfassung soll Farblichttherapie Erleichterung verschaffen. Erschöpfung soll durch Bestrahlung mit Rot oder Gelb behoben, Schmerz und Übererregung mit Blau beruhigt, Depression mit Farbpunktur verschiedener Lichtkombination behandelt werden. Farblichttherapie soll gegen alle körperlichen Krankheiten helfen, manche AnbieterInnen wollen mit Farblicht sogar Aids heilen.
Allerlei wird auch zur Selbstbehandlung angeboten: Brillen mit auswechselbaren bunten Gläsern, die je nach Farbe beruhigen oder inspirieren sollen; Lichtduschen zur Bestrahlung von Lebensmitteln oder Badewasser, um sie mit der gewünschten Eigenschaft »aufzuladen«; Tonbandkassetten mit »Farbklängen« und Bücher, in denen man nachlesen kann, an welcher Farbe es dem Körper - bei Nervosität, Bedrückung oder Schmerz - mangelt und welche zugeführt werden soll.
Der individuelle Geschmack beeinflußt die Vorliebe für bestimmte
Farben und auch ihre Wirkung,
das
haben psychologische Untersuchungen
aufgezeigt. Keine Farbe hat eine allgemeine therapeutische Wirkung. FarbtherapeutInnen ordnen jedoch Farben
und entsprechende Lichtwellenlängen
willkürlich bestimmten Krankheitsbildern zu. Daher widersprechen manche
ihrer Therapievorschläge einander.
Gegen Impotenz etwa setzt ein Anwender Blau, der andere Rot ein. Es fehlt
eine seriöse Dokumentation der Behandlungserfolge.
Das Konzept der Farblichttherapie ist naturwissenschaftlich nicht erwiesen.
AnwenderInnen bieten Farbtherapie auch bei schweren Erkrankungen wie Depression oder Epilepsie an. Das bringt das Risiko mit sich, daß notwendige Behandlungen versäumt werden. Zur gezielten Hilfe bei seelischen Störungen hat sich Farblichttherapie nicht als geeignet erwiesen.
vikas / Farbtherapie
Bibliographie
© Edition VIKAS 2008