Psychotherapien auf dem Prüfstand |
TANTRA | Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche |
Kritik | Bibliographie | |
Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch
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Ob wir zu leiser Musik unsere Phantasie auf Reisen schickten, ob wir nackt und mit verbundenen Augen durch den Raum gingen und mit den Händen den Körper der anderen tastend erkundeten, ob wir uns der Entspannung in der Wiese liegend hingaben, ob beim Tanz die Nerven vibrierten ~~ die Workshops waren jedesmal ein Erlebnis. Ich warte schon auf das nächste Wochenende. Der Abschied vom Kurs wird nicht leicht sein. Ich glaube aber, daß man es nicht zu oft wiederholen darf, sonst stumpft man ab.
vikas / Tantra
Geschichte und Konzept
Tantra ist eine über 2.000 Jahre alte Meditationsschule, die ihre Wurzeln in hinduistischen Traditionen hat und in den Buddhismus übernommen wurde. Die bekannteste Schrift ist der Vigyana Bhairava Tantra, in dem der Hindu-Gott Shiva seiner Gefährtin Shakti in 112 Versen (Sutras) offenbart, wie sexuelle Vereinigung in göttliche Ekstase verwandelt werden kann. Allerdings sieht von den verschiedenen traditionellen tantrischen Formen nur das sogenannte »linkshändige Tantra« Praktiken mit Partnerinnen und tatsächliche sexuelle Vereinigung vor. Der überwiegende Teil des Tantra besteht ausschließlich aus Visualisierungen und enthält viele okkulte Praktiken.
Durch den indischen Sektenführer -> Baghwan Shree Rajneesh (1930-1990) wurde der Begriff Tantra Ende der 70er Jahre weltweit bekannt. Seine Vorträge über Tantrische Liebeskunst begründeten seinen Ruf als Sexguru. Tantragruppen zählten zu den beliebtesten Veranstaltungen in seinem Ashram in Poona. In diesen Gruppen lehrte er ungehindertes Ausleben von Sex als Weg zur Erleuchtung. Mit dem Umzug der Rajneesh-Kommune 1980 nach Oregon in die USA endete die sexuelle Freizügigkeit innerhalb der Anhängerschaft abrupt. Aus Angst vor Aids wurde vorerst strenge Enthaltsamkeit verordnet und der Schwerpunkt von Sex hin zu körpertherapeutischer Selbsterfahrung verlagert. Später war mit strenger Kontrolle, Aidstest und Gummi alles wieder erlaubt. Nach der Auflösung des Ashrams 1985 kehrten viele Rajneesh-Anhänger (-> Sannyasin) nach Europa zurück, machten sich selbständig und vermarkteten die »therapeutischen« Erfahrungen. Im deutschsprachigen Raum wird in nahezu jeder größeren Stadt Tantra angeboten. Die Tantratherapeutlnnen sind in einem »Netzwerk für tantrische Körper- und Energiearbeit« zusammengeschlossen, über eine klinische Ausbildung verfügen sie meist aber nicht.
Als Ziel der Tantragruppen gilt eine erhöhte Genußfähigkeit, die genitale Sexualität zwar einschließt, aber zugleich auch überwinden will. Tantra versteht sich als Training für Ekstase und Liebe, und es geht davon aus, daß psychische Störungen und psychosomatische Erkrankungen aus der Unterdrückung der sexuellen Energie entstehen.
Tantragruppen treffen einander zwanglos, die Veranstaltungen sind nicht reglementiert. Meist nehmen etwa 16 bis 20 Personen teil. Es gibt allerdings auch Gruppen mit 50 und mehr Mitgliedern. Leicht bekleidet oder nackt widmen sich die Teilnehmerinnen -> Meditationsübungen und ekstatischen Tänzen. Körperübungen sollen die Sinne zum Vibrieren bringen (-> Bioenergetik), -> Primärtherapie und -> Rebirthing das Erleben vertiefen. Tantra wird in Abendveranstaltungen, in Wochenendworkshops und in fortlaufenden Gruppen praktiziert, die sich über einen längeren Zeitraum wöchentlich treffen. Gelegentlich werden auch Einzelsitzungen angeboten.
vikas / Tantra
Anwendungsbereiche
Tantra will die Sexualität befreien und die Übenden dazu anregen, sie bewußter, sinnlicher und meditativer zu gestalten. Tantra. soll sexuelle Störungen umfassend heilen.
Die von Baghwan entwickelte Fast-Food-Variante ist weit weg von den
Ursprüngen.
Tantra ist ursprünglich ein Erlösungsweg ausschließlich für Männer,
bei den Übungen sind Frauen lediglich
Objekte. Im Osten ist Tantra nicht auf
Sex gerichtet - nur die Anwender aus
dem Westen schreiten gleich zur Tat.
Die von Baghwan entwickelte Fast-Food-Variante ist weit weg von den
Ursprüngen. Nur jene Anbieter mit
Bezug zu den echten Traditionen praktizieren keinen Sex.
Ein übergeordnetes Konzept fehlt:
Westliche Tantratechniken sind willkürlich zusammengefügte Elemente aus
unterschiedlichen Therapieansätzen und
religiösen Übungen, zum Teil auch frei
erfunden. Sie sind auf ihre Wirkung hin
nicht überprüft.
In Tantrakursen werden die
tatsächlichen sexuellen Probleme der
Kursteilnehmer nicht ernst genommen
(-> Sexualtherapie), dagegen
werden erotisch überzogene Hoffnungen genährt, die sich kurzfristig mit
den neuen Partnerinnen im Kurs auch erfüllen können. Das Sexualleben wird dadurch insgesamt kaum befriedigender.
Der enorme Gruppendruck führt
häufig dazu, daß Grenzen der Angst
und Scham überschritten werden.
Das
kann zu seelischen Komplikationen
führen. Es besteht die Gefahr von
Infektionen, da manche TeilnehmerInnen den esoterischen Grundsätzen glauben, daß allein die mentale Überzeugung gegen die Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten hilft.
Da psychosexuelle Probleme oder Verletzungen (Traumata) durch die künstlichen Ekstaserituale überdeckt werden, besteht die Gefahr, daß sie später verschärft zutage treten.
Einige der eingesetzten Techniken
sind für psychisch labile Menschen
gefährlich,
sie können verdrängte Erinnerungen, zum Beispiel an sexuellen
Mißbrauch, allzu heftig wiederbeleben
und auch Psychosen auslösen. Die psychotherapeutisch meist mangelhaft
qualifizierten Kursleiterinnen sind
nicht in der Lage, Krisen zu erkennen
und aufzufangen.
Tantra bezieht sich ausschließlich auf Heterosexualität. Homo- oder Bisexualität werden diskriminiert.
Die Tantragruppen sind ideologisch überfrachtet,
was der individuellen Entfaltung und der Behebung von
Störungen entgegenwirkt.
Tantra als Selbsterfahrungsprozeß kann psychisch stabilen Menschen wertvolle Anregungen geben. Zur Behandlung sexueller Probleme oder seelischer Störungen ist Tantra nicht geeignet.
© Edition VIKAS 2008