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Colin Goldner / Junge Welt vom 21.11.2007
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21.11.2007 / Feuilleton / Seite 12

Eso vor Alter
Barbara Rütting wird 80
Von Colin Goldner
Die Großtante aller Esoterikspinner wechselt ins Urgroßtantenfach: Heute wird Barbara Rütting 80. Seit vier Jahren sitzt sie als Abgeordnete im Bayerischen Landtag. Das möchte sie auch nach den Wahlen im kommenden Jahr so beibehalten.
Die Grünen hatten sie auf ihre Liste gesetzt im Vertrauen darauf, daß gewiß ein paar Stimmen zu holen seien in den esoterischen Heilpraxen, Meditationszentren und Buchläden, deren Kundschaft, politisch oft demonstrativ desinteressiert, sich vielleicht zum Urnengang aufraffte, wenn eine der ihren zur Wahl stehe. Und es zahlte sich aus: Die Grünen stellten 2003 mit Rütting gar dessen Alterspräsidentin.
Manchen ist Rütting vielleicht noch in Erinnerung als Leinwandstar der 50er und frühen 60er Jahre. Sie spielte in über vierzig Filmen mit, die zu Recht nicht einmal mehr auf RTL gezeigt werden. Auf der Bühne mimte sie bevorzugt psychisch gestörte Frauenfiguren.
Seit dem Ende ihrer Schauspielkarriere hat Rütting ein Faible für autoritär strukturierte Organisationen und Psychosekten entwickelt: Neben ihrem Engagement für die vollwertköstlerische »Gesellschaft für Gesundheitsberatung« des früheren SA-Mannes und späteren Bioladen-Vordenkers Max Otto Bruker begeisterte sie sich für die »Naturgesetzpartei« des Maharishi Mahesh Yogi. Später auch für das »Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung«, eine autoritär strukturierte Sex- und Psychosekte nahe Berlin. Von der rechtslastigen Esoterikkommune Findhorn in Schottland, wo ein New-Age-Guru namens David Spangler als neuer Christus verehrt wird, war sie derart angetan, daß sie öffentlich erwog, dorthin zu ziehen. Schon Ende der 1980er hatte sie versucht, nach Findhorn-Vorbild in Österreich mit den »Besten aus aller Welt« eine esoterische Elitegemeinschaft zu gründen.
Seit Mitte der 1990er ist sie Anhängerin des Osho-Rajneesh-Kults und trägt als solche den Sektennamen »Anand Taruna«, was soviel heißt wie »Glückseligkeit durch ewige Jugend«. Kritik an ihren Umtrieben in der rechten Psychoszene weist sie als »üble Verleumdung« zurück: sie gehöre »keiner Sekte und keiner Religion« an, was sie nicht daran hinderte, unter dem Briefkopf des Bayerischen Landtages Propaganda für die rechtslastige Kultgemeinschaft »Universelles Leben« zu betreiben. Hintergrund ist das pseudotierrechtliche Engagement des UL, dem auch Rütting sich verpflichtet fühlt. Nachdem sie innerhalb ihrer Fraktion ordentlich eins auf den Deckel bekam, kündigte sie ihre Zusammenarbeit mit dem UL auf.